Analyse
Geheilt vom Grössenwahn, zurück zur Normalität

Untersportchefin Florence Schelling und Nebensportchef Alex Chatelain müssen gehen. Der SC Bern ist sportlich wieder glaubwürdig. Der grösste Irrtum des SCB ist korrigiert worden.

Klaus Zaugg
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Florence Schelling ist nicht mehr Sportchefin beim SC Bern.

Florence Schelling ist nicht mehr Sportchefin beim SC Bern.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Ist Florence Schelling eine Märtyrerin? Ist sie als Sportchefin beim SC Bern nach nur einem Jahr gescheitert, weil sie eine Frau ist? Eine Frau in einem Sportbusiness mit einer ausgesprochenen Macho-­Kultur? Solche Fragen stellen sich nach ihrer Entlassung. Die Antworten lauten: «Nein». Ihr Scheitern ist einzig und allein den manchmal rauen Gesetzen des Sportgeschäfts geschuldet. Sie sind am Ende des Tages für alle gleich. Für Mann und Frau. Auch jeder Mann mit den fachlichen Defiziten von Florence Schelling wäre entlassen worden. Zur Märtyrerin eignet sie sich in dieser Sache nicht. Dass es hier um nichts anderes als rein hockeytechnische Führungsfragen geht, zeigt sich daran, dass nun beim grossen Aufräumen auch Alex Chatelain seinen Schreibtisch räumen muss.

Mit den Entlassungen der ehemaligen Nationaltorhüterin und Alex Chatelain endet die Zeit der Wirren und Intrigen beim SC Bern. Die Fehlbesetzungen in der sportlichen Führung seit dem Wechsel von Sven Leuenberger zu den ZSC Lions im Sommer 2017 kosten den SCB viel Geld und Glaubwürdigkeit und werfen den Klub sportlich um mindestens zwei Jahre zurück. Manager und Mitbesitzer Marc Lüthi und seine Operetten-Verwaltungsräte haben diese sportliche Misswirtschaft durch ihre Personalpolitik vollumfänglich zu verantworten.

Erst hat Sportchef Chatelain die problemlos mögliche Erneuerung verpasst, die eigenen Talente ziehen lassen und die finanziellen Mittel mit Einkäufen von überbezahlten Mitläufern verprasst. Der SCB hatte kein Geld mehr für Investitionen in ganz grosse Spieler. Marc Lüthi erkannte seine Mängel. Aber er wollte seinen Freund nicht auf die Strasse stellen und machte ihn zum Nebensportchef.

Bei der Neubesetzung der wichtigsten sportlichen Führungsposition ist dem SCB-­Manager dann der grösste Personalirrtum der SCB-Geschichte unterlaufen. Er holte Florence Schelling. Dem Zeitgeist sich beugend, ist diese Anstellung einer Frau für eine Schlüsselposition in einer der grössten Hockeyfirmen Europas bejubelt worden. Sie hatte historischen Charakter. Bis nach Amerika hinüber, bis an den Polarkreis hinauf, bis zum Ural hinten haben alle pflichtschuldigst gerühmt und gejubelt. Nach der fachlichen Qualifikation wagte niemand laut zu fragen. Eine kritische Frage wischte Marc Lüthi so vom Tisch: «Florence ­Schelling ist die beste Kandidatin, die es gibt. Wie ­Leonardo Genoni: Weltklasse im Tor und mit einem Abschluss in Wirtschaft.»

Nie hatte eine Führungsperson in der SCB-Sportabteilung bei ihrem Amtsantritt mehr Goodwill. Die Gestaltungsmöglichkeiten waren für Florence Schelling beinahe unbegrenzt. Sie hat ihre riesige Chance wegen fachlicher Überforderung nicht nutzen können. Erst hat sie die Saison durch eine abenteuerliche Trainerwahl frühzeitig in die falschen Bahnen gelenkt, dann durch Verhandlungsungeschick weitere grosse, eigene Talente verloren, und durch ihre monatelange erfolglose Tätigkeit auf dem Spielermarkt ist der SCB der Transfer-Verlierer der Saison. Es war nicht so, dass sie keine Chance hatte. Gerade die Revolution, die nun Raeto Raffainer ausgelöst hat, zeigt, dass Marc Lüthi bereit ist, auf sein sportliches Führungspersonal zu hören.

Wenn es denn kompetent und überzeugend auftritt. In den letzten Tagen ist es zum Showdown gekommen: Hätte Marc Lüthi die sportliche Misswirtschaft nicht durch personelle Konsequenzen beendet, hätte Raeto Raffainer den SCB nach nur ein paar Wochen schon wieder verlassen. Marc Lüthi hat seine Firma spät, aber noch nicht zu spät wieder in Ordnung gebracht. Beim SCB laufen Ende der nächsten Saison mehr als zehn Verträge aus. Hätte die Sportabteilung weiterhin so gefuhrwerkt, wie in den letzten drei Jahren, dann wäre der SCB ein Abstiegskandidat geworden. Nun kehrt Normalität ein. Marc Lüthi ist vom Grössenwahn geheilt, der seinen hockey­technischen Verstand nach den drei Titeln in vier Jahren umnebelt und ihn dazu verführt hat, bei der Besetzung der Führungspositionen Freundschaft und öffentliche Werbewirkung über fachliche Qualifikation zu stellen.

Der SC Bern braucht zwei bis drei Jahre, um den sportlichen Schaden zu beheben, den Chatelain und Schelling angerichtet haben, aber letztlich ihr Dienstherr Marc Lüthi zu verantworten hat. Aber die Glaubwürdigkeit ist zurück. Das ist der wichtigste, der alles entscheidende Punkt. Ohne diese Glaubwürdigkeit hätte der SCB die Treue des grössten Publikums Europas verspielt. Die SCB-Fans und die Sponsoren sind bereit, sportlich magere Jahre mi­tzutragen. Aber nur dann, wenn die sportliche Führung glaubwürdig ist.

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