"Sie lebte sehr zurückgezogen"

Eine Mutter setzt im idyllischen Därstetten ihr Kind aus. Das Baby wird gefunden und gerettet, die Mutter ausfindig gemacht. Im Dorf war sie eine Aussenseiterin - mehr weiss man nicht. 

Peter Walthard
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Im Berner Oberländer Dorf Därstetten spielte sich über das Wochenende ein menschliches Drama ab. Am Samstag morgen früh betritt eine Privatperson den Werkhof der Gemeinde. Er liegt abseits des Dorfes, unten an der Simme. Hier entsorgen die Bewohner ihren Abfall.  Doch an diesem Morgen liegt auf dem Container mit den entsorgten Kaffeekapseln eine Kartonschachtel, darin, in eine warme Decke eingewickelt, ein Neugeborenes.  

Es ist kalt im Werkhof, draussen gefriert der Regen. Das Kind befindet sich bereits in kritischem Zustand. Mit der Rega wird es ins Spital geflogen. Die Polizei startet einen Zeugenaufruf und sucht nach der Mutter. 

Im Dorf kann man sich den Vorfall nicht erklären. Dass Auswärtige ausgerechnet den abgelegenen Werkhof von Därstetten aufsuchen, um hier ein Kind auszusetzen, erscheint unwahrscheinlich. Kaum vorstellbar ist aber auch, dass es eine Mutter aus dem Dorf war, die ihr Neugeborenes in dem kalten Raum aussetzte. 

Am Sonntag Abend meldet die Polizei, dass die Mutter ausfindig gemacht werden konnte. Die Frau hat gestanden. Sie habe das Kind bewusst an einem frequentierten Ort abgelegt, in der Hoffnung, dass es bald gefunden werde. Doch wie frequentiert ist ein abgelegener Werkhof an einem Samstag morgen früh?

Im Dorf weiss man nun, um wen es sich handelt.  Es sei jemand, der sehr zurückgezogen lebe, sagt Gemeindepräsident Thomas Knutti. Man habe die Person im Dorf nicht gekannt, deshalb sei auch ihre Schwangerschaft nicht aufgefallen. Bemerkt worden sei lediglich, dass sie sich oft im Werkhof aufgehalten habe. 

Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet. Das Kind ist nach wie vor im Spital. Im Dorf hat sich die Aufregung gelegt. Man ist beruhigt, dass es niemand aus der Dorfgemeinschaft war. Die Motive der Mutter bleiben im Dunkeln.