Untersuchung zeigt, wer in Genf im Lockdown warum stundenlang für Hilfspakete anstand

Genfer, die bereits knapp bei Kasse sind, traf der Lockdown besonders hart. Ein Viertel verlor die Stelle und viele litten gesundheitlich. Eine Untersuchung zeigt nun auch, weshalb sie öffentliche Hilfe ausschlugen.

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Zum Beispiel am 16. Juni: Letztmals werden in der Eisbahn von Les Vernets Corona-Hilfspakete verteilt. Hunderte stehen dafür bei «Colis du coeur» an.

Zum Beispiel am 16. Juni: Letztmals werden in der Eisbahn von Les Vernets Corona-Hilfspakete verteilt. Hunderte stehen dafür bei «Colis du coeur» an.

Salvatore Di Nolfi/Keystone

(sat) Was hat der Lockdown mit Genferinnen und Genfern gemacht? Dies hat die Universität der Calvinstadt im Auftrag von Stadt und Kanton Genf untersucht. Am Montag nun haben die Forschenden ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Wie die Universität in einer Mitteilung schreibt, hat sich die Situation jener Menschen in Genf, die es schon vor der Coronapandemie schwierig hatten, im sechswöchigen Lockdown «stark verschlechtert». Insbesondere untersucht haben die Forschenden die Auswirkungen des Lockdowns auf die Ernährung, den Verlust des Arbeitsplatzes, das Einkommen und den Gesundheitszustand.

Konkret sank der Anteil der Erwerbstätigen im Lockdown unter den Befragten von 59,3 auf 35,4 Prozent. Sprich: Fast ein Viertel der Menschen in prekären Verhältnissen hat zwischen dem 17. März und dem 27. April den Job verloren. Und von denjenigen, die den Arbeitsplatz im Lockdown halten konnten, mussten die meisten laut der Untersuchung Stunden- und Lohneinbussen hinnehmen, wird Soziologe Jean-Michel Bonvin in der Mitteilung zitiert. Eine der ersten Auswirkungen des Lockdowns sei gewesen, dass die überwältigende Mehrheit der Befragten erklärte habe, Angst zu haben, dass ihnen die Lebensmittel ausgehen würden. So hätten viele auf minderwertige Lebensmittel umgesattelt.

Unwissen über staatliche Hilfe führte zu Warteschlangen

Besonders auffällig ist laut den Studienautoren, dass das Bildungsniveau der befragten Personen keinen Einfluss auf die Beschäftigungsquote oder das Einkommensniveau im Lockdown hatte. Allerdings lebt die Mehrheit der Befragten in überbelegten Haushalten. Sprich: Zwei oder mehr Personen pro Zimmer. Auffallend ist zudem laut der Universität Genf, dass die Pandemie einen grossen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit hatte. «Die Befragten berichten von einem signifikanten Rückgang der Lebenszufriedenheit», heisst es in der Medienmitteilung.

Der Bericht der Universität Genf hat auch versucht zu ergründen, weshalb im Lockdown samstags jeweils Tausende Menschen vor der Eisbahn von Les Vernets für ein Gratis-Coronapaket anstanden. Fazit: Obwohl viele Anspruch auf institutionelle Hilfe gehabt hätten, wussten viele gar nicht dass es eine solche gibt. Oder sie verzichteten laut der Studie darauf aus Angst davor, ihre Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung zu verlieren oder ausgewiesen zu werden.

Viele Befragte haben in der Not Geld geliehen

Um dennoch über die Runden zu kommen, haben sich laut der Studie zahlreiche Befragte verschuldet – und dies teils zu horrenden Zinssätzen von über 6 Prozent. Die Studienautoren raten darum der Stadt und dem Kanton Genf, dafür zu schauen, das die offiziellen Hilfsangebote in einer künftigen Krise auch wirklich in Anspruch genommen werden. Und im Konkreten rät Soziologe Jean-Michel Bonvin insbesondere zu prüfen, wie der Abschluss von Arbeitsverträgen sowie die Anerkennung von Diplomen gefördert oder wie die Schwarzarbeit besser bekämpft werden kann.

Für den am Dienstag vorgestellten Bericht haben Studierende der Universität Genf im Mai Bedürftige befragt, die im Lockdown von der Organisation «Colis du coeur» ein Hilfspaket erhalten haben. Insgesamt wurden 223 Fragebögen retourniert und 40 Interviews ausgewertet. Die überwiegende Mehrheit der Befragten ist demnach 25 bis 50 Jahre alt (76,6 Prozent) und sind Frauen (68,6 Frauen). Fast die Hälfte der Befragten stammen aus Südamerika (45,7 Prozent) und haben keine Papiere oder warten auf eine Niederlassungsbewilligung (44,5 Prozent).