Ewiges Eis
Über 1 Milliarde jährlich: Gletscher mit Planen abdecken hilft, ist aber teuer

Grosse Gletscher können aus finanziellen Gründen im Sommer nicht komplett abgedeckt werden. Für Skigebiete ist es jedoch eine effiziente Methode, um ihre Pisten zu sichern. Das zeigt eine Studie.

André Bissegger
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Unter der Gletscherabdeckung am Rhonegletscher ist in einem Jahr rund 4 Meter weniger Eis geschmolzen als im nicht abgedeckten Bereich im Vordergrund.

Unter der Gletscherabdeckung am Rhonegletscher ist in einem Jahr rund 4 Meter weniger Eis geschmolzen als im nicht abgedeckten Bereich im Vordergrund.

WSL / Matthias Huss

Jetzt, wenn die Temperaturen wieder steigen, setzt das den Schweizer Gletschern arg zu. Mit Textilplanen lassen sich Teile von Gletschern vor zu viel Sonneneinstrahlung schützen. Das kostet allerdings viel Geld. Wie viel, das haben Gletscherforschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL, der ETH Zürich und der Universität Fribourg gemeinsam in einer Studie untersucht. Sie haben die Erfahrungen mit Gletscherabdeckungen in der Schweiz erstmals zusammengefasst, wie das WSL am Mittwoch mitteilte.

Momentan sind etwa 0,18 Quadratkilometer oder 0,02 Prozent der gesamten Schweizer Gletscherfläche mit Geotextilien bedeckt. Gemäss WSL schmilzt unter diesen weissen Planen rund 60 Prozent weniger Eis und Schnee als daneben. Dadurch sei schweizweit jährlich bis zu 350'000 Kubikmeter Gletschereis vorerst erhalten geblieben. Für die Forschenden ist darum klar: Textilplanen sind eine effiziente Methode, um lokal die Funktionsfähigkeit von Skipisten oder anderer touristischen Attraktionen für eine gewisse Zeit zu sichern.

Gletschereis ist wirtschaftlich bedeutsam

Das hat aber seinen Preis. Durch den Klimawandel schmelze immer mehr Eis in Skigebieten, was die Kosten für die notwendige Abdeckung in die Höhe schraubt. So hat die Studie ergeben, dass die Kosten für einen Kubikmeter künstlich erhaltenes Gletschereis durchschnittlich über das letzte Jahrzehnt gesehen pro Jahr zwischen 0.60 und 7.90 Franken lagen. Der Preis ist abhängig von der Art der Abdeckung und deren Lage auf dem Gletscher.

Diese relativ hohen Kosten würden denn auch zeigen, wie wirtschaftlich bedeutsam das Gletschereis sei – etwa für die mit rund 50'000 m2 grösste Schweizer Gletscherabdeckung am Rhonegletscher. Diese soll die Touristen-Attraktion im Oberwallis möglichst lange erhalten. Während lokale Abdeckungen laut den Forschenden durchaus effizient und profitabel sein können, dürfte eine Anwendung im grösseren Massstab jedoch weder realisier- noch bezahlbar sein. Sie berechneten in ihrer Studie, dass es jährlich mehr als eine Milliarde Franken kosten würde, um alle Schweizer Gletscher abzudecken.

Erfolgreiche Abdeckungen

Selbst dann würde der Rückgang nur verlangsamt und nicht längerfristig gestoppt. Ausserdem hätten die grossflächigen Abdeckungen auch grosse Auswirkungen auf die Landschaft und Umwelt, wie es weiter heisst. «Die einzige Möglichkeit, den globalen Rückgang der Gletscher wirksam zu begrenzen, ist die Verringerung der Treibhausgasemissionen und damit der Erwärmung der Atmosphäre», wird Studienleiter Matthias Huss zitiert.

Der erste abgedeckte Gletscher in der Schweiz war der Gurschenfirn oberhalb von Andermatt (UR). Er wird seit 2004 abgedeckt und bleibt damit genügend dick, so dass er weiterhin mit Skiern befahren werden kann. Der Gletscher an der Diavolezza (GR) war bereits fast verschwunden. Er wurde mittels Vlies «wiederbelebt»: Es gelang von Jahr zu Jahr den im Winter gefallenen Schnee zu übersommern, so dass die Eisdicke wieder anwuchs. Neueste Idee, Gletscher zu erhalten, ist deren künstliche Beschneiung. Am Morteratschgletscher wird seit diesem Winter derzeit getestet, ob der grösste Gletscher Graubündens mit recyceltem Schmelzwasser gerettet werden kann.