Interview

Experte der Uni Bern beurteilt die Lage als beunruhigend: «Diese Epidemie wird uns sicher noch Monate beschäftigen»

Die chinesische Regierung hat rigorose Massnahmen verhängt, um das Virus einzuschränken, aber die Auswirkungen werden andauern.

Christoph Bopp
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Besucher in einem Shop in Hong Kong.

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Bild: Jerome Favre / EPA (28. Januar 2020)
Christian Althaus ist Forschungsleiter am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

Christian Althaus ist Forschungsleiter am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

Was können wir aus dem bisherigen Verlauf der aktuellen Corona-­Virus-Epidemie schliessen?

Christian Althaus: Die Lage in China ist sehr beunruhigend. Man muss davon ausgehen, dass das neue Corona-Virus das Potenzial zu einer weltweiten Pandemie hat. Angaben zur Sterblichkeit sind noch sehr unsicher, sie liegt vermutlich höher als bei einer saisonalen Grippe, aber sicher tiefer, als dies bei Sars der Fall war.

Die Wirtschaft ächzt, die Menschen haben Angst, die Frage, die uns allen auf der Zunge brennt, ist wohl die: Wie lange geht das jetzt noch so weiter?

Die Epidemie wird uns sicher noch ­Monate, wenn nicht über ein Jahr beschäftigen. Dass es in einer solchen Situation zu einem Aktiensturz kommt, war zu erwarten. China wird im Moment sicher alles versuchen, die Epidemie so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen, gerade auch wegen der Auswirkungen auf seine Wirtschaft.

Halten Sie die Massnahmen, welche die chinesische Regierung jetzt getroffen hat, für angemessen?

Um die Verbreitung einzuschränken, waren die Beschränkung der Reise­tätigkeit und die Anweisung an die Leute, sie sollten zu Hause bleiben, wohl angebracht. Die Frage ist, wie drastisch solche Massnahmen umgesetzt werden sollen. Sind sie zu streng, drängt man das Problem in den Untergrund. Man sollte die Leute nicht dazu bringen, sich zu verstecken, weil man so leicht den Überblick und die Kontrolle über die Epidemie verliert.

Hat sich an der Verbreitungs­dynamik in den letzten Tagen etwas geändert? Sie haben letzte Woche errechnet, dass die durchschnittliche Anzahl Neuan­steckungen einer infizierten Person – auch R0 genannt – zwischen 1.4 und 3.8 liegt?

Der ermittelte Wert von R0 dient dazu, das Risiko einer weiteren Ausbreitung und die benötigten Kontrollmass­nahmen abzuschätzen. Die chinesische Regierung hofft natürlich, dass sie durch ihre Massnahmen diesen Wert nach unten drücken kann. Sicher bis Mitte Januar war das Ausbreitungspotenzial jedoch sehr ähnlich wie bei Sars im Jahr 2003 oder einer pandemischen Influenza.

Was kann man zur Pathogenität des Virus sagen, wie gefährlich ist es wirklich?

Die grosse Unsicherheit ist, wie gross der Nenner ist. Wie viele Infizierte gibt es? Man geht davon aus, dass die etwas über 4000 bestätigten Fälle nur einen Bruchteil darstellen. Die etwas über 100 tödlichen Fälle kann man jedoch besser ermitteln. Die Sterblichkeit könnte also tiefer sein, als die jetzigen Zahlen vermuten lassen.

Ist es eigentlich Zufall, dass die Viren, die sich schnell ausbreiten, eher harmlos sind? Oder hat das eine mit dem anderen zu tun?

Aus der Sicht der Evolution ist es für ein Virus nicht unbedingt eine gute Strategie, seinen Wirt schnell sehr krank zu ­machen und zu töten. Solche Viren breiten sich nicht schnell aus. Den Träger beispielsweise zum Husten zu bringen, ist besser, nicht zu stark, damit der Wirt weiterhin in Bewegung bleibt und weitere Menschen anstecken kann.

Man hört jetzt, dass der Patient in Bayern von einer Virusträgerin angesteckt wurde, die selber keine Symptome hatte?

Das sind beunruhigende Informationen, welche aber noch genauer abgeklärt werden müssen. Wir müssen verstehen, wie oft oder bei wie vielen infizierten Personen dies passieren kann. Falls diese Art der Übertragung typisch ist, wird es sehr schwierig sein, eine weitere Verbreitung zu verhindern.

Run auf Masken, auch wenn man sie wahrscheinlich nicht braucht

«Ich bin optimistisch, dass wir die grosse Katastrophe nicht erleben werden», sagt Professor Daniel Paris vom Schweizerischen Tropeninstitut in Basel. Apokalyptische Szenarien, dass ein Erreger in grossem Stil wüte wie im Mittelalter die Pest, seien zwar nicht völlig auszuschliessen, aber: «Wir haben gute Möglichkeiten und Voraussetzungen, dass es nicht dazu kommen muss.»

Natürlich würden immer wieder Erreger aus dem Tierreich auf den Menschen überspringen, die durchaus auch das Potenzial haben könnten, sich grossflächig auszubreiten und die Gesundheit der Menschen ernsthaft zu gefährden. «Real time sind Epidemien nicht direkt vorhersehbar.» Man hinkt bei einem Ausbruch den Informationen immer etwas hinten nach.

Wichtig seien eine gute, schnelle Kommunikation und die Sensibilisierung des medizinischen Personals, wenn es zu einem Ausbruch kommt. «Was unsere Zeit grundlegend vom Mittelalter unterscheidet, ist die bessere Diagnostik, wir sind in der Lage, sehr schnell zu wissen, mit was für einem Erreger wir es zu tun haben, und wir können wie im aktuellen Fall auch schnell einen Test designen, der uns erlaubt, die Fälle sicher auszuschliessen.»

Dies biete gute Grundlagen für die Entscheidung, welche Massnahmen es brauche, um den Erreger einzudämmen: Erkrankte Patienten und ihr persönliches Umfeld schnell zu identifizieren und rigoros zu isolieren, Quarantäne und Reiserestriktionen zu erlassen. Triemli-Patienten nicht vom Corona-Virus infiziert Die zwei Patienten aus Zürich, die vorübergehend isoliert wurden, sind inzwischen negativ getestet worden.

Obwohl der Bund an einer Medienkonferenz gestern nicht empfohlen hat, Hygienemasken zu tragen, sind sie den Apotheken weitgehend ausgegangen. Die Armeeapotheke verfügt seit der Grippepandemie 2008 über einen Vorrat von mehreren Millionen Hygienemasken. Sie sollen Spitälern, Arztpraxen und deren Patienten als Reserve zur Verfügung gestellt werden. (chb)

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