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Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga springt mit dem Roman «Der Sprung» in die Coronakrise

Die Solothurner Literaturtage sind eröffnet. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sprach dabei mit Schriftstellerin Simone Lappert übers literarische Lesen und den Wunsch, mal in einem Fussballstadion zu lesen.

Hansruedi Kugler
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Simonetta Sommaruga im Gespräch mit Schriftstellerin Simone Lappert. (Quelle: zvg)

Simonetta Sommaruga machte gleich zu Beginn des Eröffnungsgesprächs der 42. Solothurner Literaturtage klar, dass Literatur und Politik für sie ganz selbstverständlich zum Alltag gehören: «Ich lese jeden Abend in einem literarischen Buch und ich mache jeden Tag Politik.» Politik brauche unbedingt die Kreativität und die Fantasie der Kunst und der Literatur. Statt einer Eröffnungsrede hat sie sich in diesem speziellen Jahr, in dem die Solothurner Literaturtage ohne Livepublikum und nur online stattfinden, ein Gespräch gewünscht. Und durfte sich eine Autorin oder einen Autor auswählen.

Ein Sprung vom Dach und ein Sprung in die politische Krise

Warum sie sich für die Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert entschied? Das Buch sei ihr empfohlen worden, sagte Sommaruga. Der Titel habe ihr zwar nicht gefallen. Aber sie lese immer mal eine Seite, und wenn der Funke springt, lese sie weiter. Bereits nach dem zweiten Satz im Roman «Der Sprung» habe sie gewusst, dass sie dieser Roman interessiert. Denn da stehe: «Eigentlich springt sie nicht, sie macht einen Schritt ins Leere.» Sie habe das Buch zu Beginn der Coronakrise in die Hand genommen und habe gedacht, vielleicht habe dieser Schritt ins Leere mit dieser Krise zu tun. Was dann auch zugetroffen habe. Simone Lapperts Roman habe aber auch grundsätzliche literarische Qualitäten, die ihr sehr wichtig seien, sagte Simonetta Sommaruga. Die vielen Figuren seien ihr zu Freunden geworden, «ein wenig zu meiner Corona-Familie». Das sei es, was ihr Literatur bedeute: «Dass ich mit Menschen konkret in Kontakt komme, auf diese literarische Weise». Das sei in diesem Buch ganz toll gelungen.

Politik kann von Literatur lernen, mit menschlichen Widersprüchen umzugehen

Simone Lappert spannte den Boden wieder zurück in die Politik. Der Sprung ihrer Hauptfigur vom Dach eines mehrstöckigen Hauses in einer Kleinstadt und der Schritt ins Leere, welchen die Politik in dieser Coronakrise machen musste, bestehe wohl in der Unsicherheit und was diese in den Menschen auslöst. Alle ihre Figuren werden verunsichert und müssten mit den eigenen Widersprüchen zurecht kommen. Als Autorin sei sie berufsbedingt ständig auf der Suche nach Unsicherheiten und Widersprüchen. Und Sommaruga ergänzte, genau darin liege für sie die Bedeutung von Literatur: Man finde darin eine Möglichkeit, sich mit den Unsicherheiten und den Ambivalenzen der Menschen auseinanderzusetzen. Denn in der Politik habe man es dauernd mit widersprüchlichen Forderungen und Anliegen zu tun. Hier einen Weg zu finden, sei eine ständige Herausforderung. Literatur schaffe hierbei Verständnis.

Wie schafft man ein solches Entscheidungstempo?

Als «Profi im Entscheiden in Krisensituationen» von Simone Lappert angesprochen, meinte Simonetta Sommaruga: Das siebenköpfige Gremium des Bundesrates verhindere gerade, dass man sich in seinen eigenen alten Mustern verstricke. Dies helfe, mit den Unsicherheiten umzugehen, die in der Coronakrise besonders ausgeprägt vorhanden gewesen seien. Aber da sei schon ein «irres Tempo» nötig geworden. Mit einem solchen Entscheidtempo käme sie als Autorin nicht mit, entgegnete Simone Lappert. Sie brauche Zeit, um ihre Figuren kennenzulernen. Deshalb habe sie es als grosses Problem erlebt, als viele Anfragen für Texte zur Coronakrise gekommen seien. Sie sei einfach keine Schnellschreiberin. «Gleichzeitig war die Flucht in andere Themen und Texträume nicht möglich, weil der Kopf so besetzt war von dieser Coronakrise.»

Die Sorge um die Zukunft der Kunstschaffenden

Die derzeitige Verlagerung der Kunst ins Internet bereite ihr grosse Sorge, sagt Simone Lappert. «Das darf keinen Rückschritt in die Selbstausbeutung der Kunstschaffenden bedeuten». Statt blosse Ereignisse müssten wieder Erlebnisse möglich sein, und diese seien nun mal nur in der direkten Begegnung möglich, an Orten wie Theatern oder Literaturhäusern, wo sich das Publikum konzentrieren und auf die Kunst einlassen könne. Als Autorin sei es auch unbefriedigend, zu Hause in eine Kamera zu sprechen, während im Augenwinkel das Bügelbrett oder die Steuererklärung warten. Simonetta Sommaruga meinte, von der Wirtschaft sei sofort grosser Druck auf Unterstützung gekommen, von den Kunstschaffenden viel weniger. Konkreter wurde die Bundespräsidentin jedoch nicht. Dieser Druck sei aber nötig. Denn darin waren sich Sommaruga und Lappert einig: Bald möglich sollten wieder Räume zur Verfügung stehen, wo die Begegnung mit Kultur und Kunst stattfinden könne. Simone Lappert äusserte zum Schluss dann auch noch einen «heimlichen Wunsch»: Eine Lesung im Fussballstadion. Ob das möglich wäre, wisse sie zwar nicht. Aber es würde sie auf jeden Fall interessieren. Worauf Simonetta Sommaruga lächelnd antwortete: «Dann würde die Kultur noch mehr Raum einnehmen. Das wäre zu begrüssen.»

Vollständiges Programm und link zu den Veranstaltungen unter www.literatur-online.ch