Tessin
Nach zehn Jahren Warten: Protest gegen Abschiebung äthiopisch-eritreischer Familie

Der abschlägige Entscheid auf ein vor zehn Jahren gestelltes Asylgesuch schlägt im Tessin hohe Wellen. Nun schliesst sich gar der Bischof einem öffentlichen Appell zugunsten der Familie an.

Gerhard Lob, Locarno
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Der «Dringende Appell» im «Corriere del Ticino». Darin wird gefordert, ein vor zehn Jahren gestelltes, nun abgelehntes Asylgesuch neu zu beurteilen.

Der «Dringende Appell» im «Corriere del Ticino». Darin wird gefordert, ein vor zehn Jahren gestelltes, nun abgelehntes Asylgesuch neu zu beurteilen.

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Am Samstag erschien ein «Dringender Appell» im «Corriere del Ticino». Gerichtet ist das ganzseitige Inserat in der Tessiner Tageszeitung an Aussenminister Ignazio Cassis als Bundespräsidenten, den kantonalen Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa und den Bischof von Lugano, Valerio Lazzeri. In dem offenen Brief wird gefordert, eine aus dem Grenzgebiet zwischen Eritrea und Äthiopien stammende Familie im Sinne einer Härtefallregelung in der Schweiz aufzunehmen.

Der «Appello urgente» wurde lanciert, nachdem das Staatssekretariat für Migration (SEM) einen Asylantrag der Familie abgelehnt hatte. Dies zehn Jahre nachdem dieser gestellt worden war. Nun droht der inzwischen 19-jährige India, ihrem 24-jährigen Bruder Nurhusien und der 50-jährigen Mutter Munaja die Ausschaffung.

Ehemalige Lehrerin macht Fall öffentlich

Kurz vor Weihnachten hat die ehemalige Oberstufenlehrerin von India aus Morbio Inferiore den Fall öffentlich gemacht. Dabei hat Dania Tropea auch eine Petition zugunsten der eritreisch-äthiopischen Familie lanciert. Laut der Lehrerin und anderen Quellen ist die Familie zehn Jahre nach ihrer Ankunft im Tessin perfekt integriert. Sie lebten in Biasca, Cadro und schliesslich Morbio Inferiore. India schliesst nach ihrem Oberstufen-Abschluss momentan eine Ausbildung ab, ihr Bruder hat eine Ausbildung bereits abgeschlossen – aber keine Arbeitserlaubnis erhalten.

Die Familie stammt aus dem Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Eritrea und ist vor den damaligen Kriegswirren geflüchtet. Da sie keine Dokumente haben, sind sie faktisch staatenlos. Sowohl Äthiopien als auch Eritrea anerkennen sie nicht als Staatsbürger. Laut dem publizierten Appell werden sie vom SEM jedoch als Äthiopier betrachtet und sollen repatriiert werden. Dies, weil Äthiopien von der Schweiz als sicheres Land angesehen wird. Der Anwalt der Familie hat bereits angekündigt, erneut einen Antrag auf Härtefallregelung stellen zu wollen. Bisher sind alle Beschwerden aber abgelehnt worden.

Auch der Bischof von Lugano stellt sich hinter Familie

Der «Appello urgente» wurde von etlichen Personen des öffentlichen Lebens unterzeichnet, darunter mehrere alt Nationalrätinnen und Nationalräte wie Chiara Simoneschi-Cortesi (CVP) oder alt Ständerat Dick Marty (FDP). Aber auch Kunstschaffende wie Daniele Finzi Pasca oder der Architekt Mario Botta haben den «Dringender Appell» unterzeichnet.

Der Bischof von Lugano meldete sich am Samstagabend mit einer kurzen Stellungnahme, in welcher er den Appell ebenfalls unterstützt. «Er wünscht sich, dass die zuständigen Behörden diesen in Schwierigkeiten geratenen Personen (…) Hilfe und Aufnahme garantieren», wird der Bischof in einer Medienmitteilung der Diözese Lugano zitiert. Es sei eine Notwendigkeit, die Integrität und Würde der Schwächsten in der Gesellschaft zu respektieren.