Seit dem Ende des Lockdowns steigen in Zürich die Fälle von sexueller Gewalt an Frauen

In Zürich suchen seit dem Ende des Lockdowns vermehrt Frauen Hilfe, die im Ausgang sexuell angegriffen wurden. Die Fallzahlen haben sich laut der Frauenberatung verdoppelt.



Sarah Serafini

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Nach dem Ende des Lockdowns haben sich doppelt so viele Frauen wegen sexueller Gewalt an die Zürcher Beratungsstelle gewandt, wie noch vor der Coronakrise.

Nach dem Ende des Lockdowns haben sich doppelt so viele Frauen wegen sexueller Gewalt an die Zürcher Beratungsstelle gewandt, wie noch vor der Coronakrise.

Foto: shutterstock

Für Corina Elmer, Geschäftsleiterin der Frauenberatung sexuelle Gewalt sind die Zahlen besorgniserregend: Seit den Lockdown-Lockerungen Anfang Juni haben sich 43 Frauen bei der Zürcher Beratungsstelle gemeldet, weil sie Opfer einer Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder Schändung wurden. Das ist ein sprunghafter Anstieg der Beratungen im Vergleich zu den Vormonaten.

Problematisch ist für Elmer, dass die Zahlen von jetzt nicht nur höher sind als jene während des Lockdowns, als sämtliche Restaurants, Bars oder Clubs geschlossen waren und das Nachtleben komplett still stand. «Ein Anstieg nach dem Lockdown war zu erwarten», sagt sie. Doch die Anzahl der neuen Fälle vom Juni ist doppelt so hoch wie diejenige in den Monaten vor Corona.

Neuaufnahmen Frauenberatung sexuelle Gewalt 2020

In der Statistik auffällig ist auch, dass die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt in den eigenen vier Wänden im Unterschied zu den Fällen von sexueller Gewalt viel tiefer sind. Zwischen 20 bis 30 Frauen pro Monat haben sich seit Beginn 2019 wegen häuslicher Gewalt an die Frauenberatung gewandt. Auch während des Lockdowns blieb diese Zahl – anders als von den Beraterinnen befürchtet – stabil. Elmer gibt jedoch zu bedenken, dies könne insbesondere daran liegen, dass viele Frauen während des Lockdowns gar nicht die Möglichkeit hatten, zu Hause unbemerkt zu telefonieren.

«Der Lockdown führte bei diesen Frauen dazu, dass sie das Erlebte nicht mehr ertragen konnten. Es hat die Belastung vergrössert, darum haben sie sich bei uns gemeldet.»

Corina Elmer, Geschäftsführerin Frauenberatung sexuelle Gewalt

Auch nach dem Lockdown bleiben die Fallzahlen, bei denen es um häusliche Gewalt geht konstant, während sich bei der sexuellen Gewalt ein trauriger Trend bemerkbar macht. Dieser halte auch im Juli weiter an, sagt Elmer. Bis Mitte des Monats wandten sich 24 Frauen, die von sexueller Gewalt betroffen waren, an die Beratungsstelle – so viele also, wie normalerweise innerhalb eines gesamten Monats.

Ein schweizweites Phänomen sind die erhöhten Zahlen nicht. Elmer hat sich bei anderen Fachstellen umgehört, die mit von Gewalt betroffenen Frauen arbeiten. «Es scheint vorerst ein Problem in Zürich zu sein», sagt sie. Abschliessend beurteilen, woran der Anstieg liegt, sei schwierig. Einer der Gründe dürfte sein, dass ein Teil der Frauen, die sich im Juni meldeten, bereits vor oder während Coronakrise Opfer einer sexuellen Gewalttat wurden. «Der Lockdown führte bei diesen Frauen dazu, dass sie das Erlebte nicht mehr ertragen konnten. Es hat die Belastung vergrössert, darum haben sie sich bei uns gemeldet», so Elmer.

«Im Lockdown sank die Zahl der Anzeigen. Jetzt bewegt sie sich wieder auf demselben Niveau wie vorher.»

Marc Surber, Sprecher Stadtpolizei Zürich

Weiter vermutet sie, dass mit der Öffnungen der Bars viele junge Leute wieder unterwegs waren und dann aufgrund der Sperrstunde ab Mitternacht bei jemandem zu Hause weiterfeierten, wo es dann zu Übergriffen kam. «Es ist ein Trugschluss, dass Frauen im dunklen Park von Männern angegriffen werden. Die Mehrheit solcher Taten finden in privaten Räumen statt», sagt Elmer. Zuletzt kann sich die Geschäftsleiterin der Frauenberatung auch eine Veränderung auf der Täterseite vorstellen. «Möglicherweise ist nach dem Lockdown eine Art Damm gebrochen und einige Männer nehmen sich, was ihnen vermeintlich zusteht.»

Bei der Stadtpolizei Zürich stellt man keinen Anstieg der Anzeigen im Bereich der sexuellen Gewalt fest. Mediensprecher Marc Surber sagt: «Im Lockdown sank die Zahl der Anzeigen. Jetzt bewegt sie sich wieder auf demselben Niveau wie vorher.» Dass die Zahl der tatsächlichen sexuellen Übergriffe nicht mit der Zahl der Anzeigen korreliert, ist ein altes Problem. Viele Frauen zeigen die Täter nach einem Vorfall nicht an. Auch die Statistik der Frauenberatung dürfte nur ein Teil der begangenen Gewalttaten auflisten. «Die Dunkelziffer ist immer um ein vielfaches höher», sagt Elmer.