Reformierte setzen Kontrapunkt zur Ära Locher und wählen eine Frau an die Spitze

Zuerst musste Gottfried Locher wegen Vorwürfen der Grenzverletzung zurücktreten. Jetzt setzte das Kirchenparlament ein Zeichen und wählte erstmals eine Frau zur obersten Reformierten. Rita Famos soll die durchgeschüttelte Landeskirche in die Zukunft führen.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Steht neu an der Spitze der Schweizer Reformierten: Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos.

Steht neu an der Spitze der Schweizer Reformierten: Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos.

ZVG

Monatelang stand die Evangelisch-Reformierte Kirche der Schweiz ohne Leitung da: Die Stelle des "obersten Reformierten" war frei, seit Gottfried Locher wegen mutmasslicher Grenzverletzungen gegen Frauen im Mai zurücktreten musste.

Nun hat die Kirche allerdings einen Schritt in die Zukunft gemacht: Am Montagmorgen haben die Delegierten ihre Spitze neu bestellt. Sie wählten die Zürcher Pfarrerin Rita Famos im ersten Wahlgang. Famos erhielt 47 von 78 Stimmen; Konkurrentin Isabelle Graesslé 25.

"Dynamsich" und "hartnäckig"

Famos war bereits 2018 gegen Gottfried Locher angetreten. Damals unterlag die 54-Jährige. Sie ist Abteilungsleiterin Spezialseelsorge der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich und steht an der Spitze von rund 100 Mitarbeitenden. Im Vorfeld war Famos als dynamische Führungskraft, als tatkräftig und hartnäckig, medienaffin und gut vernetzt gelobt worden. Zudem hat sie jahrelange Erfahrung in der Seelsorge. Die gebürtige Berner Oberländerin ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.

Die Kirche sei durch die Affäre Locher durchgeschüttelt worden, sagte Famos im Vorfeld gegenüber dem Portal «ref.ch». «Gerade in dieser Situation möchte ich meinen Beitrag leisten.» Sie wolle der Kirche ein modernes Gesicht geben und sich für eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einsetzen. Ihre Wahl sei der Beweis, dass die reformierte Kirche offen sei und für Gleichstellung einstehe, sagte Famos nach der Wahl. "Ich spüre viel Dynamik. Ich werde auch beitragen, dass wir gemeinsam etwas bewegen."

Wurde die Westschweiz übergangen?

Die Frage, die sich dem Kirchenparlament stellte, war auch: Romandie oder Deutschschweiz? Seit 34 Jahren war das reformierte Spitzenamt nicht mehr in Westschweizer Hand. Ein gewisser Druck hin zur Wahl der aus der Waadt portierten Isabelle Graesslé war deshalb im Vorfeld spürbar, wie auch Wortmeldungen an der Synode zu entnehmen war. Letztlich erwies sich Famos aber als deutlich besser vernetzt.