Reaktion auf Kritik
Taskforce-Präsident: «Der Spielraum für Lockerungen wird grösser»

Martin Ackermann reagiert auf Kritik wegen falschen Prognosen seiner Taskforce. Und er zeigt sich offen für weitere Lockerungen. Auf dem Prüfstand steht etwa die Quarantänepflicht für Geimpfte.

Samuel Thomi
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Nimmt nach Kritik an den Prognosen seiner wissenschaftlichen Taskforce Stellung: Präsident Martin Ackermann.

Nimmt nach Kritik an den Prognosen seiner wissenschaftlichen Taskforce Stellung: Präsident Martin Ackermann.

Keystone

So schlimm, wie von den Experten Anfang Jahr vorausgesagt, ist die dritte Coronawelle in der Schweiz nicht eingetroffen. Derzeit gehen die Zahlen der Neuinfektionen und Hospitalisierungen sogar leicht zurück. Und dies, obwohl der Bundesrat die Corona-Schutzmassnahmen im April eben erst ein weiteres Mal gelockert hat.

Wie Martin Ackermann, der Leiter der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, zur «NZZ am Sonntag» sagte, hat diese im internationalen Vergleich erfreuliche Entwicklung vor allem mit dem Verhalten der Bevölkerung zu tun: «Die Einwohner der Schweiz scheinen mit der Pandemie recht vernünftig umzugehen, das erlaubt uns auch mehr Freiheiten.»

Streicht Bundesrat Reisequarantäne für Geimpfte?

Wer aus einem Risikoland in die Schweiz einreist, muss in Quarantäne. Die entsprechende Liste aktualisiert das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in regelmässigen Abständen. Doch diese Reiseeinschränkung könnte bald fallen. Denn der Bundesrat will in den nächsten Wochen darüber diskutieren, ob Reisequarantänen für Geimpfte aufgehoben werden können. Das BAG bestätigt auf Anfrage entsprechende Berichte der «NZZ am Sonntag» und der «SonntagsZeitung».

Namentlich die Reisebranche drängt seit Wochen auf entsprechende Lockerungen. Auch aus der Wirtschaft gibt es Forderungen zur Erleichterung für Geschäftsreisen. Zudem hat etwa Deutschland bereits ähnliche Lockerungen beschlossen. Bereits klar ist, dass der Bund bis Ende Juni ein Covid-Zertifikat für Geimpfte, Genesene und Getestete realisieren will. (sat)

Laut Martin Ackermann gibt es zwar Hinweise, dass moderate Massnahmen in der Schweiz wirkungsvoller seien als in anderen Ländern. Abschliessende Studien dazu gebe es jedoch noch keine. Einen weiteren Grund für die positive Entwicklung vermutet der Taskforce-Präsident in sozioökonomischen Faktoren. Dazu gehören etwa Bildung, Einkommen oder Wohnraum. «Ganz allgemein kann man beobachten, dass sich Menschen in schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen schlechter schützen können», sagte Ackermann. Hier sei die Situation in der Schweiz sicher besser als in anderen Ländern.

«Es ist legitim, dass Fragen gestellt werden»

Und nicht zuletzt habe die schnelle Unterstützung durch den Staat in der Krise dazu geführt, dass die Menschen die Schutzmassnahmen besser mittragen. Entsprechend werde der Spielraum für weitere Lockerungen nun «zunehmend grösser», sagte Martin Ackermann.

«Allerdings müssen wir aufpassen, dass wir diesen nicht verspielen.»

Das Risiko eines Wiederanstiegs sei nämlich weiterhin vorhanden. «Wenn wir zu früh zu stark öffnen, gefährden wir unnötigerweise jene, die sich noch nicht impfen lassen können. Das wäre ihnen gegenüber unfair.»

Zur Kritik an der Taskforce, deren Modelle Anfang Jahr wegen der britischen Mutation im Frühling bis zu 20'000 Neuinfektionen pro Tag prognostizierten, sagt Ackermann: «Es ist legitim, dass solche Fragen gestellt werden.» Auch die Wissenschafter seien positiv überrascht und freuten sich über die aktuelle Entwicklung. Wie es genau dazu kommen konnte, müsse nun aber zuerst analysiert werden. Derzeit liegt die Zahl der Neuinfektionen pro Tag im Durchschnitt wieder unter 2000.

Bundesrat diskutiert am Mittwoch über weitere Lockerungen

Der ETH-Professor sieht in dem Interview drei Punkte, wo sich die Taskforce geirrt haben könnte. Das mildere Wetter, das Einfluss auf das Verhalten der Menschen und damit die Empfänglichkeit für das Virus habe. Zudem sei noch immer nicht genau klar, wie hoch die Übertragungsrate der britischen Mutation sei. Hier habe man womöglich zu hoch gelegen bei den ersten Einschätzungen Anfang Jahr. Als dritten möglichen Irrtum nennt der Taskforce-Präsident den Menschen: der grösste Unsicherheitsfaktor bei jedem Öffnungsschritt sei jeweils das Verhalten der Bevölkerung.

Der Bundesrat hat am Freitag bereits angekündigt, am kommenden Mittwoch über weitere mögliche Lockerungsschritte zu diskutieren. Diese sollen dann allenfalls bei den Kantonen in eine Vernehmlassung gegeben werden. In welche Richtung die Lockerungen gehen könnten, hat die Landesregierung aber noch nicht gesagt.

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