Medikament schädigt Hirne von Ungeborenen – Ärzte warnten die Mütter nicht

Trotz länger bekannten Studien, die auf die Gefahr von geistigen Schäden hinwiesen, informierten Ärzte die werdenden Mütter nicht. Nun sind zehn Klagen gegen Ärzte und den Hersteller des Mittels hängig, wie die «Sonntagszeitung» berichtet.

Dario Pollice
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Dutzende Frauen brachten wegen eines Medikaments geistig geschädigte Babys zur Welt. Ihre Ärzte informierten sie ungenügend über die Gefahren (Symbolbild).

Dutzende Frauen brachten wegen eines Medikaments geistig geschädigte Babys zur Welt. Ihre Ärzte informierten sie ungenügend über die Gefahren (Symbolbild).

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In der Schweiz sind jahrelang Babys mit schweren Hirnschäden zur Welt gekommen, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft ein Medikament einnahmen. Depakine ist ein weit verbreitetes Arzneimittel gegen Epilepsie und Migräne des französischen Pharmaunternehmens Sanofi. In der Schweiz ist es seit 1972 zugelassen.

Seit mehr als fünfzehn Jahren zeigen Studien, dass Depakine bei Babys neben körperlichen auch schwere geistige Schäden bewirken kann. Obwohl das Risiko bei 30 bis 40 Prozent liegt, warnten Ärzte die werdenden Mütter nicht. Die Heilmittelbehörde Swissmedic gab relativ spät eine Warnung heraus, erstmals 2015.

«Wir hatten die Ärzte vor den Schwangerschaften immer wieder gefragt, ob das Epilepsie-Medikament Schäden bewirken kann», zitiert die «Sonntagszeitung» eine Mutter von zwei geistig beeinträchtigten Mädchen aus dem Kanton Thurgau. Die Antwort der Ärzte: Es gebe höchstens das Risiko von körperlichen Schäden, die man aber im Ultraschall während den ersten Schwangerschaftsmonaten sehen würde.

Swissmedic-Bericht ignoriert neue Fälle

In Frankreich sind bis zu 6500 Kinder betroffen. Swissmedic sind bisher 39 Fälle geistiger oder körperlicher Schädigungen gemeldet worden, die Dunkelziffer dürfte aber höher sein. Laut internationalen Erhebungen erhalten die Behörden in weniger als zehn Prozent der Fälle eine Meldung zu Nebenwirkungen.

Aufgrund eines Postulats der ehemaligen Genfer Ständerätin Liliane Maury vom März 2018 veröffentlichte der Bundesrat vor drei Wochen einen Swissmedic-Bericht. Dieser stellt die Problematik so dar, als handle es sich um alte Fälle, die 10 bis 20 Jahre zurückliegen würden.

Allerdings zeigten Recherchen, dass Swissmedic Meldungen von Geburten aus dem Jahr 2017 hatte - zwei Jahre nach der ersten Warnung der Heilmittelbehörde.

Nun klagen die Genfer Anwälte im Namen von zehn Kindern Klagen gegen den Pharmakonzern Sanofi und mehrere Ärzte. Besonders brisant: An den Klagen beteiligt sich auch die Invalidenversicherung (IV), die zum Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) gehört. Man sei der Ansicht, dass der Hersteller und die Ärzte die Frauen nicht genügend informiert hätten, wie eine Sprecherin des Bundesamtes sagt.