Informations-Krieg
Schweizer Medien ziehen Reporter ab, nur wenige wagen es weiter zu berichten – so reagieren wir selbst

In der Ukraine wurde ein Schweizer Journalist verletzt, und in Russland müssen Medienschaffende mit Haftstrafen rechnen. Schweizer Medienhäuser reagieren und ziehen Leute ab. Dennoch gibt es noch wenige unabhängige Journalisten vor Ort.

Michael Graber und Samuel Thomi
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Die Berichterstattung aus Kiew ist gefährlich. Trotzdem sind unabhängige Berichte in einem Krieg unabdingbar.

Die Berichterstattung aus Kiew ist gefährlich. Trotzdem sind unabhängige Berichte in einem Krieg unabdingbar.

Keystone

Der Schweizer Fotograf Guillaume Briquet wurde in der Ukraine von einer russischen Kugel getroffen, wie der Westschweizer auf Facebook schreibt. Er war in der Region Mykolaiv in der Südost-Ukraine unter Beschuss geraten, obwohl er deutlich als Medienschaffender gekennzeichnet gewesen ist. Die russischen Streitkräfte hätten Briquet zudem auch Reisepass, Laptop und Bargeld abgenommen, berichteten Medien.

Der erfahrene Kriegsfotograf ist einer der wenigen verbliebenen Schweizer Medienschaffenden in der Ukraine. Zahlreiche Medienhäuser haben ihre Berichterstattung im Land gestoppt, da die Gefahr schlicht zu gross ist. Gegenüber seinem Arbeitgeber sagt «NZZ»-Ukraine-Sonderkorrespondent Ulrich Schmid, dass er aus der Hauptstadt Kiew weggegangen ist. «Ich sah in Kiew keine Möglichkeit, zu arbeiten. Ausserdem sagten alle, wir sollten die Stadt aus Sicherheitsgründen verlassen», so Schmid.

Derzeit hält er sich im Westen des Landes auf. Wie lange er noch in der Ukraine bleiben könne, wisse er nicht. «Meine Angehörigen machen sich grosse Sorgen. Ich bin einer der letzten Schweizer Journalisten im Land und trage nur noch einen Rucksack bei mir», sagt Schmid. Seinen Koffer habe er in Kiew zurücklassen müssen. Noch funktioniere die Infrastruktur aber in der Westukraine. Auch Benzin sei verfügbar, und die Regale im Supermarkt würden immer aufgefüllt.

So berichtet CH Media aus Russland und der Ukraine

Bis kurz vor Kriegsausbruch berichtete CH-Media-Sonderkorrespondent Samuel Schumacher aus Kiew und dem Donbass. Unser Polen-Korrespondent Paul Flückiger hielt sich ebenfalls in der Ukraine auf, kehrte aber vor wenigen Tagen zurück nach Polen, aufgrund der Gefährlichkeit im Kriegsgebiet. Unsere Moskau-Korrespondentin Inna Hartwich berichtet seit Jahren aus Russland, doch das neue Zensurgesetz verunmöglicht ihr nun die Arbeit bis auf weiteres. CH Media entschied sich deshalb, wie andere Medienhäuser auch, die Vor-Ort-Berichterstattung aus Russland vorderhand zu sistieren, weil das Zensurgesetz bis zu 15 Jahre Gefängnis vorsieht bei «Falschinformationen», wobei die Zensurbehörden definieren, was darunter zu verstehen ist. (chm)

Nach wie vor in der Ukraine ist auch «Weltwoche»-Reporter Kurt Pelda. Er hat erst am Sonntag ein Video aus der umkämpften Stadt Charkiw gepostet. Der erfahrene Kriegsreporter betonte in einem Interview mit dem Branchenportal «Persoenlich.com», dass ihn sowohl Uniformierte und Zivilisten bei seiner Arbeit unterstützen würden. Zuerst komme immer «die eigene Sicherheit und die der Begleitpersonen», sagt Pelda. Derzeit habe er kaum Kontakt mit anderen Journalisten im Land, er habe aber diverse Anfragen erhalten, die Tipps für die Einreise wollten.

Die Fotografen zögern ebenfalls

«Ob ich dann mal reingehe, weiss ich noch nicht», sagt Pascal Mora, bekannter Schweizer Fotograf, der schon in verschiedenen Kriegsgebieten rund um den Globus war, auf Anfrage. Mora war am vergangenen Wochenende an der polnisch-ukrainischen Grenze – ebenso wie Alex Kühni, der sich dort im Auftrag des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) aufhielt. Kühni ist einer der wenigen Schweizer Kriegsfotografen.

Mehrfach aus Krisengebieten berichtete auch der Luzerner Philipp Schmidli, unter anderem aus dem Irak und aus Syrien. Ob er in die Ukraine einreist, ist derzeit noch offen. Seine Pläne seien noch nicht «richtig konkret», schreibt er auf Anfrage.

In Russland spitzt sich derweil die Lage für die Medienschaffenden aus anderen Gründen zu. Ein eilig beschlossenes neues Zensurgesetz bedroht unabhängigen Journalismus mit Gefängnis. Journalistinnen und Journalisten können wegen «Falschinformationen» über die russische Armee mit hohen Bussen oder Gefängnisstrafen belegt werden. Was «Falschinformationen» sind, das entscheiden die Zensoren.

Diverse westliche Medienhäuser haben nun ihre Korrespondenten und Korrespondentinnen aus Russland abgezogen. Abgereist sind etwa die Leute von BBC, ARD und ZDF und auch die Medienschaffenden von Radio und Fernsehen SRF.

Der langjährige Russland- und Ukraine-Korrespondent von Radio SRF, David Nauer, zehrt derweil für seine Berichterstattung weiter von Kontakten aus seiner Zeit in Moskau. Wie jüngst im «Echo der Zeit» erwähnt, erhält er damit noch immer ein breiter gefächertes Bild der Lage vor Ort, als wenn er nur russische Medien oder Verlautbarungen des Kremls hören würde. Denn seit Anfang Jahr ist Journalist Nauer zurück in der Schweiz und arbeitet in der Auslandredaktion von Radio SRF - mit Schwerpunkt Russland.

Wie gefährlich die Berichterstattung in Russland sein kann, zeigt die Schalte einer Korrespondentin des ORF. Mehrfach druckt sie sich um eine klare Aussage und sucht wiederholt Worte. Sie könne gewisse Dinge «nicht mehr beim Namen nennen», da sie sonst selbst kriminell gelten könnte.