Krieg
Video zeigt Hinrichtung russischer Soldaten: Hat auch die ukrainische Armee ihre Unschuld verloren?

Die Gräueltaten der russischen Soldaten in Butscha haben weltweit Entsetzen ausgelöst. Nun wirft ein verstörendes Video einen Schatten auf die ukrainische Armee. Hat diese ebenfalls Kriegsverbrechen begangen?

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Ukrainische Soldaten sollen russische Soldaten hingerichtet haben. Die Leichen sind verpixelt.

Ukrainische Soldaten sollen russische Soldaten hingerichtet haben. Die Leichen sind verpixelt.

Screenshot: Telegram

Im Ukraine-Krieg waren die Rollen bislang klar verteilt: Die russische Armee agiert als Aggressor, während sich die ukrainische Seite heroisch verteidigt. Ein auf Telegram veröffentlichten Video weckt nun Zweifel daran, dass die ukrainische Soldaten immer korrekt handeln. Die von der «New York Times» verifizierte Aufnahme zeigt, wie eine Gruppe des ukrainischen Militärs gefangene russische Soldaten ausserhalb eines Dorfes westlich von Kiew töten.

«Er ist noch am Leben. Filmt diese Marodeure. Seht, er lebt noch. Er keucht», sagt ein Mann, während ein vermutlich verwundeter, russischer Soldat mit einer über den Kopf gezogenen Jacke zu sehen ist. Darauf schiesst ein Soldat zweimal auf den Mann. Als sich dieser weiterbewegt, feuert er weitere Schüsse ab. Zu hören ist auf dem Video auch ein ukrainischer Soldat, der sagt: «Das sind nicht einmal Menschen.»

Auf den Aufnahmen zu sehen sind auch mindestens drei weitere Soldaten in der Nähe des Opfers. Alle tragen Tarnkleidung. Drei tragen weisse Armbinden, die in der Regel von russischen Soldaten getragen werden. Die Ausrüstung ist um sie herum verstreut, und in der Nähe des Kopfes der beiden Männer sind Blutflecken zu sehen. Im Hintergrund ist ein Schützenpanzer zu sehen. Weiter oben auf der Strasse sind weitere zerstörte Fahrzeuge ersichtlich.

Waren es Kriegsverbrechen?

Nach Informationen der «New York Times» ist das Video auf einer Strasse nördlich von Dmytrivka entstanden, wenige Kilometer südwestlich von Butscha. Die Morde sollen das Resultat eines ukrainischen Hinterhalts gewesen sein, als sich die russischen Truppen auf dem Rückzug befanden. Auch das ukrainische Verteidigungsministerium twitterte über die Zerstörung des russischen Konvois und bezeichnete sie als «präzise Arbeit» der ukrainischen Streitkräfte. Die ukrainischen Soldaten sind an ihren Flaggenabzeichen und blauen Armbändern zu erkennen und wiederholen mehrfach «Ruhm der Ukraine».

So verstörend das Video, so wenig überraschend kommt es. In Kriegen verüben in der Regel beide Seiten Verbrechen. Das war schon in den 1990-er Jahren auf dem Balkan so. Auch hier steht nun die Frage im Raum, ob es sich bei den Vorfällen im Video um Kriegsverbrechen handeln könnte. Davon ist die Rede, wenn gegen die elementaren Regeln in einem Krieg verstossen wird – wie sie im humanitären Völkerrecht definiert sind. Im Fokus steht dabei der Schutz der Zivilbevölkerung. Ein Kriegsverbrechen ist etwa der Angriff auf Zivilisten oder rein zivile Gebäude. Verboten ist völkerrechtlich aber auch, Soldaten zu töten, sofern sie sich ergeben. Dies wäre dann als willkürliche Tötung zu taxieren. (chm)