Interner Bericht zeigt Misstrauen und Alleingänge im Führungszirkel der Reformierten

An der Spitze der Reformierten kriselte es schon, bevor Vorwürfe gegen Ratspräsident Gottfried Locher auftauchten und dieser zurücktrat. Dies zeigt ein Bericht der Geschäftsprüfungskommission.

Lucien Fluri
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Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz, war intern wegen seines Führungsstils schon in der Kritik, bevor Vorwürfe über Grenzverletzungen gegen Frauen auftraten. Dies zeigt ein Bericht der Geschäftsprüfungskommission der Kirche, den letztere am Montagabend nach langem Zögern veröffentlichte.

Demnach habe ein "latentes Misstrauen gegenüber dem Verhalten" Lochers geherrscht, gerade wegen seiner Aussagen über Frauen, die für Schlagzeilen gesorgt hatten. Lochers Führungsstil sei hinterfragt worden, etwa die Verteilung der Geschäfte an Ratsmitglieder. Oder "die Aufnahme (oder Nichtaufnahme) von Vorstössen von Ratsmitgliedern in die Traktandenliste", heisst es im GPK-Bericht.

Ausgaben über 177'000 Franken ohne Genehmigung

Auch weil Misstrauen herrschte, handelte Rats-Vizepräsidentin Esther Gaillard zuerst alleine - und dann gemeinsam mit einem weiteren Ratsmitglied, Pfarrerin Sabine Brändlin, als eine Ex-Mitarbeiterin sich meldete und Locher Grenzverletzungen vorwarf. Dabei wurden Gelder für 177'000 Franken eingesetzt für juristische und kommunikative Abklärungen, über die der Rat erst nachträglich informiert wurde. Die Frauen hätten "in eigener Verantwortung hohe Kosten, ohne Absprache und Einverständnis des Rates" ausgelöst, heisst es im Bericht. Dabei sei auch ein Vorgehen zur Suspendierung Lochers ausgearbeitet worden. Grund dafür sei der Schutz der betroffenen Frau gewesen und das Verhindern eines Reputationsschadens für die Kirche.

«Beide Frauen sahen für die Erreichung dieser Ziele keinen anderen Weg.»

Zwischen einzelnen Mitgliedern habe zudem ein grosser Graben geherrscht bezüglich des weiteren Vorgehens, hält der Bericht fest.

Gottfried Locher war Ende Mai zurückgetreten worden. Ihm wird vorgeworfen, seine Macht ausgenutzt zu haben, um Frauen näher zu kommen, auch wenn diese Grenzen gezogen hätten. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Vorfälle werden nun durch eine externe Stelle geprüft. Zudem hatten Locher und Ratsmitglied Sabine Brändlin eine Beziehung geführt, die sie nicht publik machten. Auch dies könne Einfluss auf die Arbeit des Rates gehabt haben, heisst es im Bericht.