«Einige Aussagen aus der Deutschschweiz haben uns Tessiner verletzt»

Im Tessin ist man verhalten optimistisch, dass sich die Ansteckungskurve leicht abflacht. Mittlerweile sind Südkanton 53 Personen an den Folgen des Coronavirus gestorben.

Gerhard Lob
Hören
Drucken
Teilen
Der Tessiner Staatsrat Christian Vitta zeigt sich zuversichtlich, dass man eine Einigung mit Bern findet.

Der Tessiner Staatsrat Christian Vitta zeigt sich zuversichtlich, dass man eine Einigung mit Bern findet.

Keystone

Im Tessin ist die Zahl der Coronavirus-Infizierten in den letzten 24 Stunden von 1165 auf 1211 gestiegen, die Anzahl der Verstorbenen um 5 Personen auf ein Total von 53. In einer Medienkonferenz in Bellinzona gab sich Kantonsarzt Giorgio Merlani am Dienstag «moderat optimistisch», dass das Szenario eines exponentiellen Anstiegs der Erkrankungen nicht eintritt. Das Wachstum der letzten Tage sei eher linear. Es könne sein, dass die rigorosen Massnahmen erste Früchte tragen.

Von den 53 Verstorbenen waren zwei Personen jünger als 65 Jahre und wiesen Vorerkrankungen auf. Alle anderen Personen waren älter als 65 Jahre. «Die meisten Verstorbenen sind über 70 Jahre alt», so Merlani.  Momentan sind 235 Personen hospitalisiert, davon 55 auf Intensivstationen, 48 intubiert. Der jüngste Patient, der ins Covid-19-Spital «La Carità» eingeliefert wurde, war 38 Jahre alt, der älteste 91; der jüngste Patient in der Intensivstation 40 Jahre, der älteste 82.

Erstmals erklärte Merlani auch, dass einige Patienten in Altersheimen gestorben sind und auf Grund ihrer aussichtslosen Prognose gar nicht mehr ins Spital gebracht werden. Von 53 Verstorbenen betrifft dies  8 Personen. Ein Tod in der bekannten Umgebung des Heims sei für diese Menschen wohl humaner als einsam im Spital, sagte der Kantonsarzt sinngemäss.

Bern reagiert für das Tessin zu spät

Der Tessiner Regierungspräsident Christian Vitta (FDP) nahm dezidiert Stellung zur Auseinandersetzung mit Bundesbern über die weitgehende Schliessung der industriellen Produktion. Dieser Schritt war insbesondere nördlich der Alpen teils scharf kritisiert sowie vom Bundesamt für Justiz als «bundesrechtswidrig» erachtet worden. «Einige Bemerkungen in der Deutschschweiz zu unseren Massnahmen haben uns verletzt», so Vitta.

An erster Stelle für das Handeln des Tessiner Staatsrates stehe das gesundheitliche Wohlergehen der Bevölkerung. Da das Tessin der deutschen Schweiz in Bezug auf den Coronavirus um einige Wochen vorauseile, würden die Massnahmen in der deutschen Schweiz meistens später getroffen. Vitta zeigte sich aber zuversichtlich, dass eine Einigung mit Bern gefunden werden könne. Gestern habe man bereits dem Bundesrat geschrieben und für Freitag erwarte man eine Stellungnahme. Sollten Gesuche auf Entschädigung für Kurzarbeit wegen des kantonalen Shutdowns nicht bewilligt werden, werde man diese Ungleichbehandlung nicht akzeptieren.