Düsterer Start ins neue Jahr: Bauernpräsident erklärt 2020 zum «Schicksalsjahr»

Der Bauernverband warnt: Zwei Volksinitiativen und der vorgespurte Freihandel mit südamerikanischen Staaten bedrohe die Bauernfamilien. Markus Ritters Wunsch: Das neue Jahr bringe «hoffentlich Klarheit».

Samuel Thomi
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Stellt sich vor die Bauernfamilien: Bauern-Präsident Markus Ritter.

Stellt sich vor die Bauernfamilien: Bauern-Präsident Markus Ritter.

Keystone

Sie sind eine Macht in diesem Land. Und sie starten traditionell als eine der ersten Interessenverbände ins neue Polit-Jahr. Am heutigen Freitag bitten die Bauern die Medienschaffenden nach Worb. Und dort, am Rande der Bundesstadt, erklären sie 2020 auf einem Schweinemast-Betrieb laut Mitteilung zu nichts geringerem als dem «Schicksalsjahr für die Bauernfamilien».

«Wir haben auf der einen Seite die radikalen Forderungen der Initiativen ‹Für sauberes Trinkwasser› und ‹Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide›», sagte Bauern-Präsident Markus Ritter laut Redetext. «Mit denen würde die Schweizer Landwirtschaft auf den Kopf gestellt.»

Führt ein Ja zu zwei Initiativen zu mehr Bio?

Die Vorlagen seien schlicht überflüssig und überholt, so der St.Galler Biobauer und CVP-Nationalrat. Könnten die Konsumenten den Anbau doch schon heute eins-zu-eins steuern. «Nur gerade mal zwölf Prozent» der gekauften Produkte seien jedoch bislang Bio. Würden die Initiativen an der Urne angenommen, werde dies nicht einfach zu mehr Bio-Absatz führen, sondern die Produktion ins Ausland verlagern, warnt Ritter.

Dabei sei die Schweizer Landwirtschaft bereits heute «eine Pionierin in Sachen umwelt- und tierfreundliche Produktion», wie der Bauernverband in einer Mitteilung festhält. Das wolle sie auch in Zukunft bleiben und daran arbeite sie kontinuierlich. Gerade die Initianten der zwei kritisierten Initiativen aus Natur- und Umweltschutzkreisen – aber auch die Kleinbauern – halten dem Bauern-Präsidenten entgegen, dass die Landwirte in diesem Land durchaus mehr machen können für die Umwelt.

Ritters Rezept, um die Bauernfamilien für Freihandel zu gewinnen

Nebst der Innenpolitik – allen voran die Agrarpolitik 22+, deren Botschaft im neuen Jahr vom Bundesparlament verabschiedet werden wird – respektive deren Folgen aus dem Ausland fürchten die Bauern aber auch konkret den ausländischen Druck. Hauptstichwort dazu ist laut Bauernverband das letzten Sommer vom Bundesrat fertig ausgehandelte Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.

Denkfabrik kritisiert steigende Privilegien der Landwirtschaft

Wildwuchs und Vielfalt bei Agrarsubventionen: Das ist der Denkfabrik Avenir Suisse ein Dorn im Auge. Grundlage der Kritik ist ihr «Privilegienregister der Schweizer Landwirtschaft», das Avenir Suisse auf die Jahresmedienkonferenz des Bauernverbands am heutigen Freitag hin nachgeführt hat.

Demnach sind die volkswirtschaftlichen Kosten der Landwirtschaft seit der ersten Ausgabe 2018 massiv gestiegen, und zwar um 4% auf 20,7 Milliarden Franken jährlich. Die Steuerzahlenden kämen dabei für 23% auf, die Konsumenten für 18% und 37% seien Umweltkosten. Die zusätzlichen Ausgaben von 700 Millionen pro Jahr innert 16 Monaten seien dabei zu einem grossen Teil den gestiegenen Umweltkosten geschuldet. Fazit von Avenir Suisse: «Vereinzelt wird mit den Agrarsubventionen umweltschädliches Verhalten gar gefördert oder zumindest nicht sanktioniert.»

Als politische Rechtfertigung für Subventionen und Vergünstigungen werde von der Agrarlobby regelmässig «in Nöten steckende Bauernfamilien» angeführt. Dies, obschon gerade diese Familien laut Avenir Suisse am wenigsten vom aktuellen System profitieren dürfte: Beachtliche Teile der aufgewendeten Steuergelder würden nämlich an vor- und nachgelagerte Teile der agrarwirtschaftlichen Wertschöpfungskette fliessen.(mgt/sat)

Hier halte die offizielle Schweiz offenbar «wenig von Nachhaltigkeit und Tierschutz», kritisiert der Bauernpräsident einmal mehr. Es sei absehbar, dass das «Kunststück» von Nachhaltigkeit und gleichzeitig steigender Wirtschaftlichkeit nicht aufgehen könne. Markus Ritters Forderung: «Die Schweiz – und damit der Bundesrat als oberste Instanz – muss sich für eine klare Strategie entscheiden.» Nur dann, verspricht Ritter, könnten auch die Bauernfamilien für die Marktöffnung mitgezogen werden.

Beitrag von Tele 1: