«Die Schweiz ist knapp an einer Überlastung vorbeigeschrammt»: Task Force-Chef warnt vor Corona-Herbst

In einem Interview mit dem «Blick» kritisiert Epidemiologe Matthias Egger die mangelhafte Datenlage und warnt davor, dass sich das Virus derzeit unbemerkt in der Bevölkerung ausbreite.

Drucken
Teilen
Matthias Egger, abtretender Leiter der National COVID-19 Science Task Force.

Matthias Egger, abtretender Leiter der National COVID-19 Science Task Force.

Peter Schneider / KEYSTONE

(wap) Die Schweiz sei im April nur knapp an einer Überlastung der Spitäler vorbeigeschrammt, sagt Egger in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit dem «Blick»: «Wir waren zu Spitzenzeiten Mitte April bei fast 100 Prozent Auslastung aller Betten auf den Intensivstationen.» Hätte der Bundesrat im März die Massnahmen nur eine Woche später verordnet, wäre die Schweiz über die Kapazitätsgrenze gekommen, so Egger. Dann «hätte man im Tessin möglicherweise Zustände wie in Norditalien gehabt», sagt er.

Der abtretende Task-Force-Chef betrachtet die Lage nach wie vor kritisch. Es gebe Hinweise darauf, dass sich das Virus derzeit unbemerkt in der Bevölkerung verbreite. Darauf deute etwa hin, dass es im Vergleich zur Anzahl der Tests immer mehr positive Resultate gebe. Auch weitere Superspreader-Events seien zu erwarten. Problematisch sei ausserdem, dass die Datenlage bei Rückkehrern und Touristen mangelhaft sei: «Man weiss nicht, wie viele Personen aus Risikoländern in die Schweiz eingereist sind, wie viele sich in Quarantäne begeben haben und wie viele davon in Quarantäne geblieben sind.»

Egger tritt per Ende Juli als Leiter der Task Force zurück. Trotz seinen kritischen Äusserungen sei er nicht zum Rücktritt gedrängt worden, sagt er im Interview. Es sei ganz einfach ein guter Zeitpunkt, die Leitung in andere Hände zu übergeben.