Coronavirus
20’000 Franken Sonderprämie: So soll das Pflegepersonal zurück kommen

Alle gelernten Pflegefachpersonen im Kanton Graubünden, die nicht mehr im Beruf arbeiten, müssen sich melden. Andere Kantone wollen nicht nachziehen. Ein Gesundheitsökonom sieht auch andere Wege, um die Personalengpässe zu beseitigen – etwa finanzielle Anreize.

André Bissegger
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Die Situation auf den Intensivstationen spitzt sich zu. Der Kanton Graubünden führt daher eine Meldepflicht für gelernte Pflegefachpersonen ein. (Symbolbild)

Die Situation auf den Intensivstationen spitzt sich zu. Der Kanton Graubünden führt daher eine Meldepflicht für gelernte Pflegefachpersonen ein. (Symbolbild)

Keystone

Alle Bündnerinnen und Bündner mit einem Abschluss als Pflegefachperson müssen sich melden, wenn sie nicht im erlernten Beruf tätig sind. Sie sollen später allenfalls zu einem Einsatz verpflichtet werden. Das hat die Bündner Regierung am Mittwoch entschieden und beruft sich auf das Gesundheitsgesetz. Hintergrund ist die starke Zunahme der Coronafälle: Die Regierung befürchtet, dass diese die medizinische Versorgung respektive die personellen Ressourcen in den Pflegeberufen überlasten könnte.

Auch in anderen Kantonen spitzt sich die Situation zu. Dennoch wollen sie nicht so weit gehen wie Graubünden. Im Kanton Luzern etwa seien verpflichtende Rekrutierungen kein Thema, teilte das Gesundheits- und Sozialdepartement auf Anfrage mit. Stellenbesetzungen erfolgten auf dem regulären Weg. In den Kantonen Aargau und St. Gallen sind ebenfalls keine «Zwangsrekrutierungen» geplant, wie die Behörden mitteilten.

Kanton Graubünden als Vorbild

Für den bekannten Gesundheitsökonomen Heinz Locher handelt Graubünden mit seiner Meldepflicht «vorbildlich», wie er am Mittwoch auf Anfrage von CH Media sagte. Er bestätigte zudem einen Bericht der «SonntagsZeitung», in dem er von der Politik ein dringliches Massnahmenpaket forderte, um die Versäumnisse nachzuholen. Denn für ihn ist klar: «Dass es nach zwei Jahren Pandemie weniger statt mehr Intensivpflegeplätze gibt, ist nicht Schicksal, sondern reines Versagen der Politik.»

Mobilisiere man die Intensivpflegefachpersonen, könne man die Anzahl Intensivpflegeplätze erhöhen. Aufrufe wie im Kanton Graubünden seien ein Weg dazu, zudem kenne man beispielsweise alle Lehr- und Studienabgänger. Und man könne diejenigen angehen, die ihre Pensen reduziert haben. «Dazu muss man sie fragen, was sie benötigen, um ihr Pensum wieder aufzustocken», sagte Locher. Auch Pensionierte oder solche, die aus Frust ausgestiegen sind, könnten mithelfen. Man müsse sich um diese Leute bemühen und Rücksicht auf sie nehmen. Dabei gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um die Arbeitsbedingungen. «Ich finde es traurig und verrückt, dass man das nicht macht.»

Sonderprämie von 20'000 Franken als Anreiz

Sein Ansatz: «Man muss den Markt spielen lassen.» Er ist überzeugt, dass mit genügend hohen Prämien oder spezifischen Anstellungsbedingungen viele von ihnen zumindest für eine befristete Zeit zurück kämen. Locher hält beispielsweise «eine Sonderprämie von 20'000 Franken für jeden Intensivpfleger» für möglich. «Das ist finanziell gerechtfertigt – gerade im Vergleich mit anderen Corona-Ausgaben.»

Auch Werner Widmer, Präsident der Zürcher Krebsliga und ehemaliger Direktor von verschiedenen grossen Schweizer Spitälern, ist der Ansicht, ein finanzieller Anreiz würde ehemalige IPS-Pflegende motivieren, vorübergehend wieder zu arbeiten. Das sagte er Mitte Dezember zur «Neuen Zürcher Zeitung». Für ihn ist klar: «Wir haben in der Schweiz eine ganze Reservearmee von ehemaligen IPS-Fachleuten.»

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