Glosse
Salzkorn

Eine «Frau mit Herz» will in den Stadtrat. Und auch sonst fliegen einem die Herzen nur so zu, triefend vor Zuckerguss.

Melissa Müller
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Illustration: Corinne Bromundt

Ein bisschen Kitsch macht das Leben erträglicher. Doch was einem in diesen Tagen zufliegt, ist schon eine geballte Ladung an Herzen. Eine «Frau mit Herz» wolle in den Stadtrat, hiess es kürzlich in der Zeitung. Andere Politiker beteuern im Wahlkampf, dass ihr Herz für die Schule, den Wald, den Fussball oder für Micky Maus schlage. Bei Baureportagen liest man oft von einer «Operation am offenen Herzen». Wird in Goldach eine Beiz abgerissen, fehlt «das Herz im Dorf». Ganz zu schweigen vom vielen Herzblut, das überall vergossen wird und wohl einen blutigen Ozean füllt.

Das Herz ist eine schöne Metapher, aber sie wird inflationär benutzt. Es wimmelt von Coiffeusen, Cafés, Partnervermittlern, Yogalehrerinnen und sogar Treuhändern «mit Herz». Aufdringlich werfen sie sich an unsere Brust und wollen Herz beweisen, und dann womöglich auch noch eins aus Gold. Und nicht etwa aus Quecksilber oder Blei. Als ob es erstrebenswert wäre, ein Organ aus einem Edelmetall in seiner Brust zu haben.