Glosse

Salzkorn

Die Natur schreibt die grausamsten Geschichten vom Fressen und Gefressenwerden.

Melissa Müller
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Illustration: Corinne Bromundt

Was für den Autofan der Ferrari oder für den Uhrensammler die Rolex, ist für die Naturfreundin der Schwalbenschwanz. Auf Plattformen wie ­«Mission B» posten stolze Hobbygärtner Bilder des wohl schönsten Tagfalters Europas.

Die Lokalzeitungen sind voll von Geschichten über Schmetterlingsmütter – zumeist ältere Damen, die sich als Raupenzüchterinnen betätigen. Sie schützen die Tierchen in Käfigen vor Fressfeinden wie Vögeln. Denn in freier Wildbahn überleben nur zwei von 50 Raupen.

Da freuten wir uns natürlich auch, als wir zwei hellgrüne, orange gepunktete Schwalbenschwanzraupen entdeckten, die sich über den Gewürzfenchel im Garten hermachten. Sie wurden von Tag zu Tag dicker und runder. Bis eines Tages die Wespen angriffen. Sie rissen einer Raupe den Kopf ab und transportierten ihr Fleisch aggressiv summend davon.

In einem Dokfilm wäre die Szene zensuriert worden. Die Natur schreibt oft die grausamsten Geschichten über das Fressen und Gefressenwerden. Da bleibt einem nur eines übrig: Selbst zur Schmetterlingsmutter werden.