«Wir hoffen, dass Bund und Kanton das Defizit mittragen»: Den St.Galler Spitalverbunden droht ein 90-Millionen-Verlust

Die vier St.Galler Spitalverbunde schreiben für das erste Halbjahr 2020 ein Minus von 62.6 Millionen Franken. Wegen der Pandemie sind die Zahlen deutlich schlechter als erwartet. Der Verwaltungsratspräsident fordert dringend Hilfe von der Politik.

Adrian Vögele und Christoph Zweili
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Die Spitalverbunde sind im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Covid-19 mit höheren Kosten konfrontiert.

Die Spitalverbunde sind im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Covid-19 mit höheren Kosten konfrontiert.

Bild: Michel Canonica

Es hatte sich abgezeichnet: Die ohnehin schwierige Finanzlage der St.Galler Spitäler spitzt sich wegen der Coronapandemie noch zu. Am Dienstag legte der Verwaltungsrat der Spitalverbunde die Halbjahreszahlen vor. 62,6 Millionen Franken beträgt das aktuelle Defizit. Das ist bereits deutlich mehr als das Minus von 35,5 Millionen Franken, das für das gesamte Jahr 2020 budgetiert war. «Das Loch, das Corona wegen des Lockdowns geschlagen hat, belastet das Halbjahresergebnis massiv», sagt Felix Sennhauser, Verwaltungsratspräsident der Spitalverbunde. Und dieses Loch könnte noch deutlich grösser werden: 94,1 Millionen Franken Verlust bis Ende Jahr, so lautet die Prognose. Den grössten Verlust aller Spitalverbunde hat das Kantonsspital (KSSG) mit 35 Millionen (siehe Grafik). Das erwartete Defizit des KSSG für das gesamte Jahr ist jetzt viermal grösser als budgetiert.

Knapp 30'000 stationäre Patientinnen und Patienten haben die Spitäler behandelt - das sind 10 Prozent weniger als in der Vorjahresperiode. Die ambulanten Besuche nahmen um 13 Prozent ab. Zwischen dem 17. März und dem 26. April waren nicht-dringliche medizinische Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffe schweizweit verboten. «Wenn man keine Wahleingriffe mehr machen und nicht mehr ambulant, sondern nur noch eingeschränkt tätig sein kann, führt das zu einem riesigen Ertragsausfall», sagt Sennhauser. 54 Millionen weniger nahmen die Spitäler in der Zeit während und nach dem Lockdown ein. «Auf der anderen Seite hatten wir mehr Aufwand – wir mussten mehr Beatmungsplätze bereitstellen sowie Schutzmaterial und besondere Medikamente beschaffen.»

«Strukturmassnahmen sind jetzt noch dringender»

Felix Sennhauser, Präsident des Verwaltungsrats der St.Galler Spitalverbunde

Felix Sennhauser, Präsident des Verwaltungsrats der St.Galler Spitalverbunde

Hanspeter Schiess

Ob der Staat einen Teil der Ertragsausfälle übernehmen wird, ist derzeit offen. «Wir hoffen stark, dass Bund und Kanton das Defizit mittragen», sagt Sennhauser. «Wie gross und wie schnell diese Hilfe möglich sein wird, das wird sich in den nächsten Wochen zeigen.» Zwar rechnet der Verwaltungsrat damit, dass sich ein Teil der durch den Lockdown verursachten Ertragsausfälle bis Ende Jahr kompensieren lässt. Aber selbst wenn der Kanton die 54 Millionen Franken, die aufgrund der Verordnung des Bundes verloren gingen, vollständig entschädigen würde, droht laut den Spitalverbunden immer noch ein Verlust von 40 Millionen.

Für den Verwaltungsrat ist deshalb klar: Strukturmassnahmen in der St. Galler Spitallandschaft sind jetzt erst recht dringend nötig. Im September berät das Kantonsparlament die neue Spitalstrategie. Während der Pandemie hätten sich die Konzepte, die Ideen und die Planung für die Restrukturierung der Spitalregionen bereits bewährt, sagt Sennhauser: «Wir haben das Personal dort zusammengezogen und eingesetzt, wo die spezialisierten Dienstleistungen von Intensivstationen und Beatmung stattgefunden haben.» Vereinfacht könne man sagen: «Die Pandemieerfahrung mit Corona hat einerseits die Stossrichtung der Strategie mit der Konzentration auf vier Mehrspartenspitäler bestätigt. Sie hat aber auch gezeigt, dass es dringend notwendig ist, die Strategie zeitnah umzusetzen, um wieder gesunde finanzielle Ergebnisse zu erzielen.»

Warnungen an die vorberatende Kommission

Als nächstes muss nun die vorberatende Kommission des Kantonsrats ihre Position zur Spitalbotschaft der Regierung vorlegen. Sie hatte von den Spitalverbunden Zusatzberichte zu den Auswirkungen der Pandemie auf die Finanzlage und die Strategie der Spitäler verlangt. Beide Berichte liegen jetzt vor. Die Spitäler würden von den Ereignissen überholt, heisst es in den Schlussfolgerungen des Finanzberichts. «Die Spitalverbunde stehen finanziell schlechter da als in der Botschaft aufgezeigt und benötigen dringend politische Entscheide.» Falls die öffentliche Hand die Ertragsausfälle wegen Corona nicht ersetze, schrumpfe das Eigenkapital der Spitäler – was zu Sanierungsfällen führen könne.

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