BODENSEEREGION: Zentral und doch zersplittert

Das Vierländereck ist ökonomisch erfolgreich und hat noch Potenzial. Doch es gilt einige Hausaufgaben zu erledigen – von der grenzübergreifenden Kooperation in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bis zum Ausbau der Verkehrswege.

Thomas Griesser Kym
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Die Bodenseeregion wird mehr durch Tourismus und Natur wahrgenommen statt als Hightech-Standort. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (Arbon, 31.10.2016))

Die Bodenseeregion wird mehr durch Tourismus und Natur wahrgenommen statt als Hightech-Standort. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (Arbon, 31.10.2016))

Thomas Griesser Kym

Die Bodenseeregion ist heterogen. Nicht nur erstreckt sie sich über vier Länder, sondern sie ist auch geprägt durch «eine raumstrukturelle Vielfalt», wie es Forscher der Universitäten St. Gallen, Liechtenstein und Konstanz sowie der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen nennen. Das heisst: Die Region liegt zentral in Europa, doch auch fern der Hauptstädte Bern, Berlin und Wien sowie anderer Metropolen wie Frankfurt oder Mailand. Zudem gibt es in der Bodensee­region sowohl dynamische Wirtschaftsstandorte mit relativ hoher Wettbewerbsfähigkeit, etwa das St. Galler und das Vorarlberger Rheintal, die Region St. Gallen, den Raum Konstanz oder das Schussental von Friedrichshafen über Ravensburg in Richtung Ulm, als auch ländliche Gebiete, die mehr vom Tourismus zehren. Da­zu zählen das Toggenburg, der Bregenzerwald oder das Allgäu.

Insgesamt aber ist die Wirtschaftsstruktur der Bodenseeregion laut den Forschern «höchst dynamisch und innovativ». So stieg beispielsweise die Beschäftigung hier zwischen 1995 und 2014 um 5,6%. Aber wie geht es weiter? Inwieweit ist die Region gerüstet für Megatrends wie Digitalisierung, Energiewende, Klimawandel, demografische Entwicklung oder Wandel zur wissensbasierten Ökonomie? Und wo sollte man handeln? Um diese Fragen zu klären, haben die Forscher im Mai und Juni 2015 gut 1000 Fachleute aus der Region befragt und deren Antworten in die Studie «Bodensee 2030 – ein Blick in die Zukunft der Region» einfliessen lassen. Untersucht wurden vier Teilgebiete: Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Tourismus und Raumentwicklung.

Fähigkeit zur Konfliktlösung als Trumpf

Ein Fazit der Studie ist, dass die Fachleute wiederholt die Ansicht geäussert haben, es brauche mehr überregionale und grenzübergreifende Planung. Dies im Hinblick auf das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, das weitergehen dürfte. Nur gemeinsam seien Themen wie Klimawandel, nachhaltige Energieversorgung, Zersiedlung oder Verkehr zu bewältigen. Allerdings stehe die grenzüberschreitende Kooperation in der Kritik, weil sie «vielschichtig und für Aussenstehende wenig transparent» sei. Die politische Kooperation kämpfe zudem mit dem Ruf, «nicht wirklich viel bewegen zu können». Als Beispiele ungelöster Konflikte nennt die Studie den Fluglärmstreit, die Vorschläge grenznaher Standorte für das Schweizer Atomendlager oder Einkaufszentren, die hüben wie drüben projektiert sind und von der jeweiligen Konkurrenz misstrauisch beäugt werden. «Die Konfliktlösungsfähigkeit wird zu einem Zukunftsthema der grenzüberschreitenden Kooperation in der Bodenseeregion», schreiben die Forscher.

Kräftigster Treiber der Wirtschaft des Bodenseeraums ist immer noch die stark exportorientierte Industrie, obwohl auch hier der Trend zu Verschiebungen in den Dienstleistungssektor beobachtet wird. Zudem sei der Anteil an Unternehmen hoch, die stark auf Wissen basieren. Viele der befragten Fachleute kritisieren aber, dass die einzelnen Teilräume des Wirtschaftsraums um den Bodensee zu wenig miteinander verbunden seien. Um die hiesige Innovationsfähigkeit zu sichern, müssten vor allem die technik- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie der Technologietransfer ausgebaut und grenzüberschreitend vernetzt werden. Bisher aber dominiere Konkurrenzdenken über den Willen zur Kooperation. Folge sei, dass die Bodenseeregion in ihrer Gesamtheit «nicht als leistungsfähiger Industrie- respektive Hightech-Standort wahrgenommen» werde. Aber, so schreiben die Forscher: «Die Bodenseeregion ist und will nicht ein Seglerparadies mit gelegentlicher Industrie sein – sondern das Gegenteil: eine hoch industrialisierte Techno­logieregion», unterstützt von exzellenten Dienstleistungen und mit hoher Lebensqualität.

Verkehrsinfrastruktur als «die Achillesferse»

Geprägt sei das Ansehen der Bodenseeregion indessen durch Tourismus, Landwirtschaft und Natur. «Für die Rekrutierung hoch qualifizierter Fachkräfte ist dies einer der grössten Standortnachteile» im Kampf ge­gen die Konkurrenz grossstädtischer Ar­beitsmärkte. Dazu gesellen sich laut der Studie zusätzliche Hindernisse. Erstens seien die staatlichen Zuständigkeiten und Verwaltungsstrukturen in der Bodenseeregion extrem zersplittert. «Zuweilen sind die administrativen Hürden zwischen Bundesländern oder Kantonen noch höher als zwischen den vier Staaten.» Zum anderen sei als «die Achillesferse» die Verkehrsinfrastruktur innerhalb der Region wie auch in der überregionalen Anbindung an die Wirtschaftszentren «erstaunlich schlecht ausgebaut und unzureichend aufeinander abgestimmt». Das verlängere Pendlerwege unnötig und sei negativ für den Arbeitsmarkt. Die Studie empfiehlt, vor allem die Schieneninfrastruktur zu verbessern, um die Abhängigkeit vom Individualverkehr zu mildern.

Im Bodenseetourismus, gekennzeichnet durch «sehr kleinteilige Strukturen», könnten laut Studie durch internationale Vermarktung vielfältige Potenziale genutzt werden. Dennoch bleibe ein gewisser Grad an Wettbewerb wünschenswert.

Die Studie zum Herunterladen: www.zukunft-bodensee.eu

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