ST.GALLEN: HSG-Studium macht sich bezahlt

Wo soll man studieren? Und was? Strebt man ein hohes Einkommen an, schreibt man sich am besten an der Universität St.Gallen ein. Geistes- und Sozialwissenschafter verdienen besser als Ingenieure.

Kari Kälin
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Lukratives Studium: Die HSG gilt als die Kaderschmiede für die Wirtschaftselite. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 3. Oktober 2016))

Lukratives Studium: Die HSG gilt als die Kaderschmiede für die Wirtschaftselite. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 3. Oktober 2016))

ST.GALLEN. Dass Studenten der Universität St.Gallen nach dem Masterabschluss besonders gut gefüllte Lohntüten erhalten, ist gleich überraschend wie der nächste Meistertitel des FC Basel. Die «HSG» gilt weiterhin als die Kaderschmiede, in der die Wirtschaftselite geformt wird. So arbeiten überdurchschnittlich viele Absolventen in der Management- und Strategieberatung sowie bei Banken – zwei Branchen mit hohen Salären.

Mittleres Bruttojahreseinkommen von Masterabsolventen (in Franken):


Laut den Zahlen des Bundesamts für Statistik verdienen HSG-Studenten sowohl ein Jahr (88'000 Franken) als auch fünf Jahre (112'500 Franken) nach dem Masterabschluss verglichen mit anderen Uni-Absolventen durchschnittlich am meisten. Weit vorne liegen auch die Luzerner. In der Fünfjahreswertung belegen sie mit 104'000 Franken Platz zwei.

Sollen die Eltern ihre Kinder demnach nach St.Gallen schicken? «Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums sollte primär das Interesse an und die Begabung für das jeweilige Fachgebiet sein», sagt Marius Hasenböhler, Leiter der Kommunikation an der HSG. Künftige Lohnaussichten sollten seiner Meinung nach nicht die Hauptmotivation für die Wahl eines Studiums sein. Die Universität St.Gallen wirbt denn auch nicht aktiv mit den Gehaltszahlen um Studenten. Sie weist jedoch auf die guten Chancen der HSG-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt hin.

Für Doktortitel auf Lohn verzichten

Auf den ersten Blick überrascht das schlechte Abschneiden der ETH Zürich. Politiker und Wirtschaftsverbände klagen seit langem über einen Ingenieurmangel und fehlenden Nachwuchs in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Bloss: Wer ein solches Studium anpackt, steht finanziell im Vergleich zu Kollegen aus anderen Disziplinen schlechter da. Fünf Jahre nach Masterabschluss verdient ein Ingenieur im Mittel 86'700 Franken. Nicht nur die Ökonomen (102'000), Mediziner (100'000) und Juristen (98'800) sind besser gestellt, sondern auch die viel gescholtenen Geistes- und Sozialwissenschafter, deren Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, so eine gängige Kritik, nicht gefragt sind.

Den Einkommensrückstand der ETH-Absolventen erklärt Evelyne Kappel, Leiterin des ETH-Karrierenzentrums, wie folgt: «Sehr viele Studenten, die an der ETH den Master absolvieren, hängen ein Doktorat an – und verdienen entsprechend weniger als jemand, der eine Anstellung in der Privatwirtschaft annimmt.» Dass die ETH-Abgänger gegenüber ihren Kollegen von der Universität St.Gallen schlechter abschneiden, erstaunt sie nicht. «In der Finanzbranche und im Consulting-Bereich werden höhere Löhne bezahlt als zum Beispiel in der Maschinenindustrie», sagt Kappel.

Numerus clausus für Geisteswissenschafter?

Die angebliche Sinnlosigkeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Studien schlägt sich in zeitgenössischen Bestsellern nieder. «Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermassen zu so ziemlich gar nichts ausser – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften», lässt der französische Autor Michel Houellebecq die Hauptfigur in seinem Roman «Unterwerfung» sagen.

Auf dem politischen Parkett schlägt die SVP einen Numerus clausus für Geistes- und Sozialwissenschafter vor. «Es muss uns kümmern, was mit den Tausenden Studienabgängern beispielsweise in Psychologie, Ethnologie, Soziologie, Geschichte, Kultur und Kunstwissenschaften passiert, und ob überhaupt eine Nachfrage nach solchen Akademikern in der Privatwirtschaft besteht», schreibt die Partei in einem Vorstoss.

Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (4,5 Prozent) und anderen Studienrichtungen ist die Erwerbslosenquote von Geistes- und Sozialwissenschaftern (6,6 Prozent) ein Jahr nach Studienabschluss in der Tat hoch. Fünf Jahre später aber sinkt dieser Wert auf 2,7 Prozent. Bezüglich Einkommen sind die Geistes- und Sozialwissenschafter zwar nicht an der Spitze, sie schlagen aber auch noch fünf Jahre nach Studienabschluss die MINT-Absolventen.

Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger ist über diese Tatsache nicht erstaunt. «Viele Geistes- und Sozialwissenschafter arbeiten nach Studienschluss im öffentlichem Dienst mit hohen Anfangslöhnen», sagt er. Mint-Wissen sei weniger landesspezifisch. «Und ein ETH-Ingenieur steht viel mehr unter Druck des internationalen Wettbewerbs als ein Jurist, Ökonom oder Sozialwissenschaftler, deren Wissen nicht so leicht mit Zuwanderung importiert werden kann», so Eichenberger. Entscheidend für das Einkommen ist seiner Meinung nach zudem nicht so sehr der Standort der Universität, sondern in welcher Branche und Region man nachher arbeitet.

Wer kurz nach Studienabschluss kein Topverdiener ist, muss sich darüber ohnehin nicht den Kopf zerbrechen. «Anfangslöhne, auch fünf Jahre nach Studienabschluss, sagen wenig aus über das Lebenseinkommen», erklärt Eichenberger. In der Tat: Absolventen der Pädagogischen Hochschule gehören am Anfang zu den Spitzenverdienern. Langfristig haben aber zum Beispiel Juristen und Ökonomen potenziell bessere Lohnperspektiven als Lehrerinnen und Lehrer.

Mittleres Bruttojahreseinkommen PH-Absolventen und von Masterabsolventen der Universität und ETH (in Franken):