TECHNIK: Hilfe aus dem Weltall

Schweizer Behörden nutzen die Satellitendaten des EU-Programms Copernicus noch kaum. Dabei bestünde grosses Potenzial, zum Beispiel bei der Überwachung von Gefahrenzonen, aber auch in der Landwirtschaft.

Maja Briner
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Der Satellit Sentinel-3: Er liefert nicht nur Satellitenbilder auf die Erde, sondern die am EU-Programm teilnehmenden Staaten erhalten Informationen zur Luftqualität und Bodenfeuchte. Die Informationen können auch bei der Warnung vor Naturgefahren hilfreich sein. (Bild: ESA)

Der Satellit Sentinel-3: Er liefert nicht nur Satellitenbilder auf die Erde, sondern die am EU-Programm teilnehmenden Staaten erhalten Informationen zur Luftqualität und Bodenfeuchte. Die Informationen können auch bei der Warnung vor Naturgefahren hilfreich sein. (Bild: ESA)

Maja Briner

Erstmals hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) analysieren lassen, wie die Schweizer Behörden die Daten des EU-Programms Copernicus nutzen könnten. Die Studie zeigt: Das Potenzial wäre gross. «Die Türe für Anwendungen steht weit offen», sagt Markus Wüest, Chef der Sektion Umweltbeobachtung beim Bafu, der die Studie begleitete. Seit rund einem Jahr seien die Copernicus-Daten von so guter Qualität, dass mit ihnen gearbeitet werden könne. Copernicus liefert nicht nur Satellitenbilder, sondern auch beispielsweise Angaben zur Luftqualität oder zur Bodenfeuchte. Die Forschung sei bei der Nutzung der Daten schon relativ weit, sagt Wüest. Die Schweizer Behörden stünden hingegen noch am Anfang. «Alle europäischen Länder tun sich schwer damit, die Daten in grossem Stil zu nutzen», sagt er.

Die Behörden könnten die Copernicus-Daten laut der Studie zum Beispiel gebrauchen, um bei Unwettern oder bei Naturkata­strophen das Ausmass des Schadens rascher zu analysieren. Dazu benötigt der Bund Luftbilder – und diese hat er heute nicht so schnell zur Hand. Bei einem Ereignis wie dem Felssturz bei Bondo müssen die Behörden derzeit entweder Flugzeuge losschicken, um Fotos zu machen, oder bereits existierende Satellitenbilder einkaufen. Laut Studie wäre es auch möglich, dank Copernicus-Daten Gefahren wie drohende Bergstürze oder Gletscherabbrüche frühzeitig zu erkennen. «Mittel- bis langfristig sehen wir für die Umweltbeobachtung ein grosses Potenzial», sagt Wüest.

Besser düngen dank Satellitendaten?

Auch die Landwirtschaft kann laut Wüest von den Daten profitieren. «Die Bauern könnten im administrativen Bereich dadurch künftig entlastet werden», sagt er. Da dank Copernicus-Daten erkennbar ist, welche Pflanzen über das Jahr hinweg auf einem Feld angebaut wurden, wäre vorstellbar, dass Direktzahlungen wie Flächenbeiträge künftig zumindest teilweise auf automatisierten Auswertungen beruhen könnten. Die Behörden wiederum könnten die Daten brauchen, um gesetzliche Vorgaben zu prüfen. So könnten die Copernicus-Daten auch genutzt werden um festzustellen, ob etwa das Ausbringen von Düngemitteln zum korrekten Zeitpunkt ausgeführt wurde – und nicht beispielsweise bei Schnee oder gefrorenem Boden. Gemäss der Studie wäre es sogar denkbar, ein Auskunftssystem für Bauern aufzubauen, das sie über den optimalen Zeitpunkt zum Düngen informiert.

Der Schweizerische Bauernverband ist jedoch skeptisch. Wenn gegen das Gülle-Verbot verstossen werde, sei dies relativ leicht erkennbar, sagt Sprecherin Sandra Helfenstein: Bei gefrorenen Böden versickere die Gülle nicht; liege Schnee, werde dieser braun. «In solchen Fällen funktioniert die soziale Kontrolle durch die Bevölkerung recht gut», so Helfenstein. Zurückhaltend äussert sie sich auch, was ein Dünger-Auskunftssystem angeht. Der Nutzen hängt laut Helfenstein stark davon ab, welchen Vorteil dieses gegenüber den herkömmlichen Verfahren wie etwa Bodenproben bietet, wie einfach diese Technologie anzuwenden ist und was sie kostet.

Laut Christina Umstätter von der Forschungsanstalt Agroscope hat der Einsatz von Satellitendaten zukünftig in der Landwirtschaft viele Vorteile – für die Bauern, aber auch für die Umwelt. «Satellitendaten eignen sich generell gut, um zum Beispiel den Aufwuchs von Pflanzen zu beobachten oder Krankheiten früh zu erkennen», sagt die Forscherin. Dadurch könnten die Bauern Dünger und Pestizide gezielter einsetzen – was ihr Portemonnaie und die Umwelt schont. «Das Potenzial für die Landwirtschaft und die Umwelt ist sehr gross», sagt Umstätter. Für die Bauern gebe es zwar Anschaffungskosten, aber sie profitierten auch: Dank moderner Technik könnten sie Arbeitszeit einsparen.

Keine Garantie von der EU

Bislang greifen die Behörden nur vereinzelt auf die Copernicus-Daten zurück, das Bafu etwa zur Überwachung des Rutschungsgebietes Moosfluh im Aletschgebiet. In welchen Bereichen diese künftig zum Einsatz kommen, ist noch offen. Der Entscheid dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob die Schweiz sich in Zukunft am Programm Copernicus beteiligt. Der Bundesrat hat sich in diesem Punkt noch nicht entschieden. Zwar kann die Schweiz derzeit die Copernicus-Daten uneingeschränkt nutzen, da sie bei der Entwicklung der ersten Satelliten mitwirkte. Ab 2020 könnte sich das jedoch ändern – auch wenn die Daten laut EU grundsätzlich öffentlich zugänglich sein sollten. «Wir haben aber keine Garantie, dass wir die Daten in gleichem Umfang und im gleichen Tempo nutzen können», sagt Wüest. «Kommt es zu Einschränkungen, wäre das für unseren Forschungs- und Wirtschaftsstandort ein Nachteil – falls die Daten die Bedeutung erlangen, die sich die EU von Copernicus erhofft.»