MINDERJÄHRIGE: Verheiratet im Kindesalter

Die Zahl der zwangsverheirateten Kinder unter 16 Jahren ist im vergangenen Jahr in der Schweiz stark gestiegen. Der schweizerischen Fachstelle wurden 51 Fälle gemeldet. Politiker fordern Massnahmen.

Maja Briner
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Mädchen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, werden oft verheiratet, um sie gegen Vergewaltigung zu schützen. (Bild: Keystone)

Mädchen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, werden oft verheiratet, um sie gegen Vergewaltigung zu schützen. (Bild: Keystone)

Noch keine 16 Jahre alt und schon verheiratet – gegen den eigenen Willen: Dieses Schicksal teilen sich in der Schweiz Dutzende. Die Fachstelle Zwangsheirat erhielt im vergangenen Jahr Kenntnis von 51 Fällen. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2015 registrierte die Fachstelle nur fünf Fälle. «Wir stellen allgemein einen Anstieg von Zwangsheiraten von Minderjährigen fest, besonders stark ist er bei den unter 16-Jährigen», sagt die Präsidentin der schweizweit tätigen Fachstelle, Anu Sivaganesan.

Sie sieht für den Anstieg vor allem zwei Ursachen: Erstens sei die Sensibilisierung besser als früher, dadurch würden mehr Fälle gemeldet. Zweitens führe die jüngste Flüchtlingswelle zu einer Zunahme. Die Fachstelle verzeichnete beispielsweise Fälle aus Afghanistan, Syrien und Eritrea – Ländern, aus denen viele Asylsuchende stammen. Genau­e­re Zahlen zu den Nationalitäten gibt die Fachstelle nicht bekannt. Die Migration an sich verstärke das Problem zusätzlich, sagt ­Sivaganesan. «Junge Mädchen werden zwangsverheiratet in der Hoffnung, dass sie dadurch auf der Flucht besser gegen sexuellen Missbrauch geschützt sein sollen.» Welchen Einfluss ein Krieg haben kann, zeigte sich in Syrien: Gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef stieg der Anteil der verheirateten 18-jährigen Frauen von 13 Prozent vor dem Krieg auf 32 Prozent im Jahr 2014.

Auch viele Secondos betroffen

Zwangsheirat kommt laut Sivaganesan in allen Religionen vor. ­Betroffen seien nicht nur Asylsuchende, sondern auch Secondos. Das zeigte auch eine Studie des Bundes aus dem Jahr 2012: Über ein Drittel der Kinder und ­Erwachsenen, die zur Heirat ­gezwungen wurden, war in der Schweiz geboren. Eine Statistik zu den Zwangsheiraten von Minderjährigen führt der Bund nicht. Eine quantitative Erhebung habe sich als schwierig erwiesen, begründet das Staatssekretariat für Migration die fehlende Statistik. Auch der Bundesrat konnte daher in Antworten auf Vorstösse lediglich auf Zahlen der Fachstelle Zwangsheirat verweisen.

Ausnahmeregelung unter Beschuss

Auch wenn sich die Zunahme der Fälle auf einem tiefen Niveau abspielt, fordern Politiker Massnahmen. «Die Zahl ist erschreckend und die Dunkelziffer wahrscheinlich hoch», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Sie fordert in einer Motion, dass alle Ehen mit Minderjährigen für ungültig erklärt werden.

Heute sieht das Gesetz vor, dass Zwangsehen annulliert werden. Eine Ehe mit Minderjährigen ist zudem zwar grundsätzlich ungültig – es gibt aber Ausnahmen: Wenn die Weiterführung der Ehe den «überwiegenden ­Interessen» des Minderjährigen entspricht, kann das Gericht sie für gültig erklären. Diese Ausnahmeregelung möchte Rickli abschaffen; eine Forderung, die auch Sivaganesan stellt. Rickli sagt: «Die Ehe ist ab 18 Jahren ­legal, das soll für alle gelten.» Es könne nicht sein, dass die Schweiz Kinderehen im Nach­hinein legalisiere, sagt sie.

Auch SP-Nationalrätin Bea Heim (SO), die in der Vergangenheit Vorstösse zum Thema eingereicht hat, sagt: «Die Zahlen sind erschreckend.» Sie sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Dennoch hält sie nichts von Ricklis Motion. «Ein Verbot im Alleingang bringt nichts, vielmehr braucht es vor ­allem Schutzmassnahmen», sagt sie. Es stelle sich etwa die Frage, ob es genügend Möglichkeiten gebe für Betroffene, um Hilfe zu holen. Heim fordert zudem eine bessere Sensibilisierung, etwa mit Familienabenden zum Thema in den Schulen.

Der Bundesrat wollte das «Phänomen Zwangsheirat» mit einem fünfjährigen Programm «eindämmen». Im August läuft dieses aus. Wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden. Der Bundesrat soll dazu dieses Jahr einen Bericht verabschieden.