Der heilige Berg

Rund um den Säntis Zeitlebens wollte sie ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nach ihrem Tod wurde sie zur bekannten Künstlerin, und bis heute wird sie als Visionärin und Heilerin verehrt. Vor 50 Jahren starb Emma Kunz in Waldstatt in einem Haus mit Blick auf den Säntis. Christina Genova

Drucken
Emma Kunz ca. 1953 an ihrem Zeichentisch in Waldstatt. Beim Arbeiten trug sie stets eine weisse Schürze. (Bild: Staatsarchiv AR Nachlass Werner Schoch)

Emma Kunz ca. 1953 an ihrem Zeichentisch in Waldstatt. Beim Arbeiten trug sie stets eine weisse Schürze. (Bild: Staatsarchiv AR Nachlass Werner Schoch)

Der Säntis sei Emma Kunz heilig gewesen, so erzählt man. In Waldstatt, an seinem Fusse, verbrachte sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens. Vor 50 Jahren, am 16. Januar 1963, ist sie gestorben, doch bis heute ist sie unvergessen. Wer war die Frau, die posthum erstaunliche Erfolge als Künstlerin feiert, deren Heilerde Aion A in fast jeder Drogerie erhältlich ist und zu deren Grotte und Museum im aargauischen Würenlos jährlich 20 000 Leute pilgern?

Ruhe am Fusse des Säntis

Als Emma Kunz 1951 nach Waldstatt zog, war sie vor allem eine Frau, die Ruhe suchte. Sie hoffte, dort ungestört ihren Forschungen nachgehen zu können. Weder im Aargau, wo sie in einer armen Handweberfamilie aufgewachsen war und lange Jahre als Naturheilpraktikerin gearbeitet hatte, noch im Kanton Obwalden, wo sie zuletzt gelebt hatte, war dies möglich gewesen. Beiderorts wurden alternative Heilmethoden nicht gerne gesehen oder waren sogar verboten. In Appenzell Ausserrhoden hingegen gab es solche Einschränkungen nicht.

Harald Szeemann, dessen Verdienst als Kurator es ist, das visionäre zeichnerische Werk der Künstlerin Emma Kunz international bekanntgemacht zu haben, schrieb über ihre Umzug nach Waldstatt folgendes: «Es war ein Rückzug in die Einsamkeit, dafür ein Sich-selbst-Finden in der Strahlkraft der Berge. Ihr Haus lag dem Säntis (von <santo>, heilig, abgeleitet) direkt gegenüber. Er war ihr heiliger Berg, der sie in ihren Forschungen unterstützte, ihr seine Kraft herüberstrahlte, ihr ermöglichte, sich langsam dem Lichte zu nähern.» Emma Kunz liess sich auf der Schäfliwiese etwas unterhalb des Waldstätter Bahnhofs ein einfaches Haus bauen. «Für die dem Säntis zugewandte Seite entwarf Emma Kunz spezielle Panoramafenster», erzählt Anton C. Meier, der in Würenlos ihren Nachlass verwaltet und den sie einst von der Kinderlähmung geheilt hat. «Doch der Baumeister redete es ihr aus und sagte, es käme zu teuer.» Ein einziges Fenster wurde für die «Säntis-Stube» realisiert.

Getreidestengel und Tee

Das ehemalige Wohnhaus von Emma Kunz ist heute in Privatbesitz. Seit 2008 führt daran der Emma-Kunz-Pfad vorbei; an vier Plätzen erhält man Informationen zu ihrem Leben und Wirken. In Waldstatt hat man sich lange nicht gross um die berühmte Zuzügerin gekümmert, die ein zurückgezogenes Leben geführt hatte. Erst als im nahen Urnäsch das Reka-Feriendorf eröffnet werden sollte, besann man sich auf Emma Kunz. Um den Feriengästen etwas Kultur zu bieten, entwickelte eine Arbeitsgruppe die Idee eines Emma-Kunz-Pfades. Jetzt, fünf Jahre nach der Eröffnung, hat man nicht den Eindruck, dass Emma- Kunz-Jünger in Scharen nach Waldstatt strömen. Die Bäckerei, die in der Broschüre zum Pfad ihre «Emma-Kunz-Getreidestengel» bewirbt, hat keine mehr vorrätig, und der Drogerie nebenan ist der «Emma-Kunz-Tee» mit Ringelblumen ebenfalls ausgegangen.

Fand Emma Kunz in Waldstatt die Ruhe, die sie suchte? Wohl nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Einerseits fühlte sie sich einsam und war dankbar um jede Kontaktmöglichkeit, andererseits musste sie die vielen Ratsuchenden und Kranken abwehren. Naiv aber war Emma Kunz nicht. Sie war sich ihrer exponierten Position als alleinstehende Aussenseiterin bewusst und wusste sich zu helfen. Im Hauseingang gab es eine Garderobe. Dort hingen jahrein, jahraus ein grosser Männermantel, ein Hut und ein Spazierstock. Jeder, der das Haus betrat, nahm an, dass der Ehemann zu Hause sei. In Wirklichkeit aber war alles nur Attrappe.

Polarisierte Ringelblumen

Übereinstimmend wird berichtet, dass Emma Kunz in Waldstatt wohl ihre intensivste Schaffensphase erlebt hat. 1953 gelang ihr in ihrem Garten die Polarisation von Ringelblumen. Sie «bependelte» die Blumen mit einer Spiralpendelrute, und nach ein paar Tagen wuchsen aus dem Kelch der Mutterblüten mehrere Tochterblüten hervor. Zahlreiche Fotografien belegen diesen einmaligen und unerklärlichen Vorgang.

War Emma Kunz eine Esoterikerin? Eine Besessene? Eine Visionärin? Eindeutig hatte sie viele Begabungen und war eine Frau von grosser Überzeugungskraft, die auch einen Naturwissenschafter wie den St. Galler Kantonschemiker Franz Decurtins beeindruckte. Er war von ihren Verfahren so begeistert, dass er im eigenen Labor Medikamente nach ihren Anweisungen herstellte.

Pendel-Zeichnungen

In Waldstatt versenkte sich Emma Kunz auch intensiv in die Zeichnungsarbeit. Schon 1938 hatte sie begonnen, mit dem Pendel auf Millimeterpapier zu zeichnen. Sie verwendete dazu Farbstifte und einen einfachen Holzmassstab, der in der Mitte eine Vertiefung von ihrem Daumendruck hatte. Mit ihrem Pendel lotete sie die Zeichenfläche aus. Erst wenn vor ihrem inneren Auge die Vision des Bildes entstanden war, setzte sie den ersten Strich. Beim Zeichnen wollte sie alleine sein. Ein Bild entstand in einem Arbeitsgang, meist ohne Unterbrechung. Sie verzichtete sogar darauf, zu essen, und arbeitete an manchen Bildern über 24 Stunden lang. Fertige Zeichnungen hängte sie an die Wand, manchmal hingen zehn bis zwanzig Blätter übereinander. Etwa 400 ihrer Zeichnungen sind erhalten, siebzig davon werden permanent im Emma-Kunz-Zentrum in Würenlos ausgestellt. Selbstbewusst erklärte Emma Kunz: «Mein Bildwerk ist für das 21. Jahrhundert bestimmt.» Sie sollte recht behalten.

Die Biennale-Künstlerin

Zehn Jahre nach ihrem Tod begann Emma Kunz' erstaunliche zweite Karriere als Künstlerin. 1973 wurden ihre faszinierenden Zeichnungen im Aargauer Kunsthaus ein erstes Mal mit grossem Erfolg ausgestellt. Mittlerweile konnte man Emma Kunz' Werke an über 50 Ausstellungen in Europa und den USA sehen. Auch an der diesjährigen Biennale von Venedig ist Emma Kunz vertreten. Nach 1975 ist es bereits die zweite Teilnahme. Emma Kunz selbst hatte sich selbst nie als Künstlerin verstanden. Ihre Zeichnungen waren für sie nicht Kunst, sondern Mittel zum Zweck, deren Schönheit nur ein Nebenprodukt ihrer intensiven Suche nach Erkenntnis. «Alles geschieht nach einer bestimmten Gesetzmässigkeit, die ich in mir fühle und die mich nie zur Ruhe kommen lässt», sagte Emma Kunz, und zeichnend suchte sie nach Mustern, Verbindungen, Vernetzungen, nach der Weltformel vielleicht. Sie sagte: «Die Zeit wird kommen, in der man meine Bilder versteht.»

Glücklich im Garten

Aus den Waldstätter Jahren von Emma Kunz sind nur einige wenige Fotografien erhalten. Sie befinden sich im Appenzell Ausserrhoder Staatsarchiv in Herisau und sind Teil des Nachlasses des Waldstätters Werner Schoch, der in Herisau ein Fotofachgeschäft betrieb. Der Kontakt zwischen ihm und Emma Kunz kam wohl 1953 zustande, als sie im Eigenverlag zwei Publikationen über ihre Zeichenmethode herausgab und dafür Bilder benötigte. Die Büchlein liess sie in der Druckerei von Hermann Schläpfer in Waldstatt drucken.

Werner Schoch fotografierte nicht nur ihre Werke, sondern auch Emma Kunz an ihrem Zeichentisch, vor ihrem Haus und in ihrem üppig blühenden Garten – auf keiner der Fotografien sieht sie glücklicher aus. Stolz steht sie neben den haushoch wachsenden Sonnenblumen. Es heisst, dass sie täglich mit ihren Pflanzen sprach.

Literatur: Emma Kunz: Forscherin, Naturheilpraktikerin, Künstlerin, Hg. Anton C. Meier, AT-Verlag, Aarau 1993.

Zeichnung auf Millimeterpapier. (Bild: Emma Kunz Zentrum Würenlos)

Zeichnung auf Millimeterpapier. (Bild: Emma Kunz Zentrum Würenlos)

Polarisierte Ringelblume (Bild: Staatsarchiv AR / Nachlass Werner Schoch)

Polarisierte Ringelblume (Bild: Staatsarchiv AR / Nachlass Werner Schoch)

Die Publikationen von Emma Kunz. (Bild: Emma-Kunz-Zentrum Würenlos)

Die Publikationen von Emma Kunz. (Bild: Emma-Kunz-Zentrum Würenlos)

Christina Genova- Emma Kunz - Focus -

Christina Genova- Emma Kunz - Focus -