BILDUNG: Spiel’s nochmals, Papi

Aktives Musizieren fördert die kindliche Entwicklung – doch jedes Kind ist anders musikalisch. Ein neuer Ratgeber hilft Eltern, die Lust an Klang und Rhythmus zu stärken und die eigene Musikalität wiederzuentdecken.

Bettina Kugler
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Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Mozart schrieb seine erste Oper als Sechsjähriger. Der kleine Bruno Maderna soll zwölf Stunden täglich Geige geübt haben; mit sieben spielte er Bruchs Violinkonzert e-Moll, mit acht leitete er erstmals das Orchester der Mailänder Scala. Derzeit macht die zehnjährige Alma Deutscher von sich reden: Sie spielt Klavier ebenso souverän wie Geige; sie improvisiert, komponiert, hält Vorträge über klassische Kompositionskunst.

Wunderkinder sterben nicht aus. Aber sie sind die Ausnahme. «Musikalisch Hochbegabte machen ihren Weg, selbst wenn sie dabei Hindernisse überwinden müssen. Andere schauen eher zaghaft durch die Tür; doch wenn sie sich ihnen auftut, dann stürmen sie vorwärts», sagt Kristin Thielemann, Orchestermusikerin, Instrumentallehrerin und Leiterin musikpädagogischer Fortbildungen. Dass sie als Mädchen Trompete lernen wollte, stiess anfangs bei ihren Eltern auf wenig Gegenliebe, obwohl sich diese für klassische Musik interessierten. «Trompete, das schickt sich nicht für ein Mädchen», fand ihre Mutter. Lachend erinnert sich Kristin Thielemann an den Satz: «Geh du lieber mit Merle ins Ballett.» Doch sie liess sich nicht abbringen von ihrem Wunschinstrument.

Kristin Thielemann studierte an der Musikhochschule Lübeck im Hauptfach Trompete; heute lebt sie mit ihrer Familie in Kreuzlingen und macht sich stark dafür, dass jedes Kind ein Recht und eine Chance auf Musik bekommt. Nicht nur, weil Musizieren die ganzheitliche Entwicklung fördert, sich nachweislich positiv auswirkt auf das Sprachvermögen, die Hör- und Konzentrationsfähigkeit, das Sozialverhalten, das mathematische Verständnis. Sondern vor allem, weil es Ausdruck von Lebensfreude und Zugehörigkeit ist.

Musik bewegt, entspannt, verbindet

Musik macht glücklich – besonders wenn man sich dabei aktiv einbringen kann. Man kann sie bis ins hohe Alter pflegen; bereits Ungeborene lauschen der Stimme der Mutter, dem Rhythmus des Herzschlags. Musik bewegt: Für die meisten Jugendlichen gehört Musikhören zu den Lieblingsbeschäftigungen in ihrer Freizeit. Musik entspannt, setzt Energien frei. «Wir nehmen Musik intuitiv auf, und es ist uns ein tiefes Bedürfnis, Teil der Musik zu sein», sagt Kristin Thielemann.

Ihre eigenen Trompetenschüler unterrichtet sie nicht nach starrem Plan. Stattdessen forscht sie nach den individuellen Stärken; sie lässt «Rampensäue» möglichst oft vorspielen, andere kreativ werden – beispielsweise ein fiktives Interview mit dem Komponisten Joseph Haydn schreiben. Sie nimmt sie mit ins Konzert; hin und wieder darf einer ihrer Schüler im Orchestergraben sitzen und ihr über die Schulter blicken.

Vor allem bezieht sie gern die Eltern ein. Denn keinen Satz hört sie öfter bei Schnupperstunden oder Tagen der offenen Tür an der Musikschule wie diesen: «Ich selbst bin zwar nicht musikalisch, aber…» Grund sind oft demotivierende Erfahrungen in der Kindheit, etwa beim Singen in der Schule. Oder mit einem Ins­trumentallehrer, der kein Gespür hat für die Eigenart des Kindes. «Jedes Kind ist musikalisch», davon ist Kristin Thielemann überzeugt, und diesen Titel trägt auch ihr gerade erschienener Musik-Ratgeber für Eltern – in Anlehnung an Bestseller wie «Jedes Kind kann schlafen lernen». Empfohlen wird das Buch im Vorwort von keinem Geringeren als Kinderarzt Remo Largo – weil Musik, mit Augenmass in den Alltag integriert, «zu einem wertvollen Lebensbegleiter werden kann», wie Largo betont.

Unkompliziert und mit vielen unterhaltsamen Seitenblicken auf Forschung und Praxis beantwortet Kristin Thielemann Fragen, die sich viele Eltern stellen: Welches Instrument ist das richtige für mein Kind? Ab welchem Alter sollte es damit beginnen? Wie finden wir eine geeignete Lehrkraft? Wie können wir als Familie Musik und Musizieren in den Alltag integrieren, welche Erlebnisse fördern die Musikalität unseres Kindes? Woran zeigt sich, dass es «musikalisch» ist? Was überhaupt heisst das: «musikalisch»?

Fördern mit Gehör und Augenmass

Der Duden definiert das Wort «Musikalität» folgendermassen: «mit Empfinden, Verständnis und Begabung für Musik ausgestattet sein». Zumindest das Empfinden dürfte fast allen gegeben sein; das Verständnis zu fördern, die speziellen Begabungen zu erkennen und zu unterstützen, obliegt den Eltern, der Schule, den Musikschulen. «Musikalisch ist auch, wer schon einmal Gänsehaut bekommen hat beim Hören von Musik oder einen Ohrwurm hatte, wer mit dem Fuss im Takt wippen kann oder einen Lieblingsstil von anderen ohne Hintergrundwissen erkennen kann», sagt Kristin Thielemann.

In ihrem Ratgeber ermutigt sie Eltern, Kindern Musik in ihrer ganzen Vielfalt zugänglich zu machen und dabei ein feines Gehör für deren Potenzial zu entwickeln: beim gemeinsamen Singen; beim Entdecken von Tönen und Klängen zu Hause oder in einem Kurs; in Kinderkonzerten, bei Orgelführungen und anderen Angeboten. Ruhig, tonal und nicht zu laut: Das ist Musik, die Ungeborene und Babys entspannt. Kleinkinder lieben Wiederholungen und Bewegung zu Musik, sie erforschen gerne Trommeln, Glocken, Klangstäbe, entdecken ihre Stimme – gut, wenn Eltern in dieser Phase die Begriffe «richtig» und «falsch» sparsam einsetzen. Und stattdessen selbst zu Musikentdeckern werden: möglichst stressfrei und ohne Leistungsdruck, mit oder ohne Instrument.

Kristin Thielemann: Jedes Kind ist musikalisch. Der Musik-Ratgeber für Eltern. Schott 2016, Fr. 28.50 (mit Liedern, Klangbeispielen und Fantasiereisen auf Audio-CD).