KRIMINALITÄT: Im digitalen Schattenreich

Das Darknet ist das dunkle Kellergewölbe des Internets. Hier verkaufen Kriminelle Drogen, Waffen oder falsche Pässe. Es ist aber auch geschützter Raum für Menschenrechtsaktivisten und Journalisten.

Michael Genova
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Von H wie Haschisch bis P wie psychedelische Drogen: Eine neue Generation digitaler Dealer bietet ihre Ware auf illegalen Handelsplattformen im Darknet an. (Bild: Bill Hinton/Getty)

Von H wie Haschisch bis P wie psychedelische Drogen: Eine neue Generation digitaler Dealer bietet ihre Ware auf illegalen Handelsplattformen im Darknet an. (Bild: Bill Hinton/Getty)

Michael Genova

Als die Handschellen klickten, ahnten die Berner Kantonspolizisten noch nicht, wer ihnen ins Netz gegangen war. Ende Januar nahmen sie einen jungen Mann fest, der im Darknet illegal eine Waffe kaufen wollte. Erst allmählich realisierten sie, dass sie den 23-jährigen Tobias Kuster verhaftet hatten. Im vergangenen Jahr soll er im Zürcher Seefeld einen 43-jährigen Schweizer getötet haben. Es war ein Zufallstreffer: Über sechs Monate lang blieb Kuster verschwunden, und ausgerechnet über das vermeintlich anonyme Darknet kam die Polizei dem mutmasslichen Mörder auf die Spur.

Doch was ist das Darknet, dieser abgelegene Schlupfwinkel des Internets? Im Darknet, im «dunklen Netz», gibt es keine zentralen Server. Stattdessen schliessen sich viele einzelne Computer zu eigenen Netzwerken zusammen. Dabei werden die Daten und Nachrichten mehrfach verschlüsselt übertragen. Jedes Datenpaket nimmt einen Umweg über drei zufällig ausgewählte Zwischenstationen, bis es beim Empfänger ankommt. Das bekannteste Darknet ist das Tor-Netzwerk, das es seit 2002 gibt. Zutritt erhalten Nutzer über ein spezielles Internetprogramm, den sogenannten Tor-Browser. Wer ihn benutzt, verschleiert seine Identität und hinterlässt kaum Datenspuren.

Die Anonymität des Darknet ist ein Paradies für moderne Kriminelle: Dealer nutzen es, um Drogen feilzubieten, Waffenhändler haben digitale Bauchläden eröffnet, und Hacker bieten ihre Insiderkenntnisse an, um Unternehmen zu erpressen. Die Halbwelt präsentiert sich wohlgeordnet mit professionell gestalteten Shopping-Plattformen. Im Apple Store zum Beispiel gibt es verdächtig billige iPhones, Kamagra bietet potente Pillen an («wie Viagra, nur günstiger»), und der UK Guns und Ammo Store hat genau zwei Pistolen im Angebot. Einer der grössten Gemischtwarenläden im Dark­net heisst AlphaBay. Dort finden sich in der grössten Kategorie «Drogen und Chemikalien» rund 200'000 Angebote. Alphabetisch sortiert, von H wie Haschisch bis P wie psychedelische Drogen. Nicht immer sind wahre von gefälschten Angeboten klar zu unterscheiden. Hinter einigen Ladenfronten verbergen sich Betrüger, die Leichtgläubige abzocken.

Die Zahl der Transaktionen im Dark­net mit Schweizer Beteiligung sei nach wie vor sehr gering, sagt der IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef. Zum Beispiel sei der Waffenhandel in Deutschland und Österreich ausgeprägter. «Dennoch sehen wir Indizien, die auf eine Zunahme von Schweizer Teilnehmern hindeuten.» Ruef leitet die Forschungsabteilung der Zürcher scip AG, die sich mit verschiedenen Themen der Computersicherheit beschäftigt. Im Darknet observiert das Unternehmen regelmässig den Drogen- und Waffenmarkt und den Markt für gestohlene Daten und Angriffstools. Am häufigsten werden auch in der Schweiz Drogen übers Darknet verkauft. Der Handel mit Waffen verzeichne ein starkes Wachstum, sagt Ruef. «Die grösste Zunahme sehen wir jedoch bei gestohlenen Daten mit Schweizer Bezug.» Hier stehe man am Anfang eines ernst zu nehmenden Problems, das zum Beispiel Krankenhäuser noch vor grosse Herausforderungen stellen werde.

Die Anonymität in den dunklen Netzen hat aber auch ihre guten Seiten. Dissidenten in Ägypten, Syrien oder in Iran können sich mit Hilfe des Tor-Browsers austauschen, ohne von Geheimdiensten erwischt zu werden. So stieg 2011 die Nutzung des Tor-Netzwerks während des Arabischen Frühlings in Ägypten deutlich an. Facebook ist seit 2014 mit einer eigenen Adresse (facebookcore­wwwi.onion) vertreten. Das ist vor allem für Menschen in Ländern wie China interessant, in denen der Zugang zu Facebook gesperrt ist. Auch Journalisten nutzen die Tor-Technologie, um sich mit Informanten vertraulich auszutauschen. Die Enthüllungsplattform Wikileaks oder das US-amerikanische Magazin «The New Yorker» betreiben im Tor-Netzwerk anonyme Briefkästen, über die Whistleblower Hinweise hinterlassen oder Daten hochladen können.

Das meistgesuchte Stichwort ist Cannabis

Doch wie orientieren sich Schwarzsurfer in dieser digitalen Parallelwelt? Google durchsucht das Darknet nicht und kann ihnen nicht als Wegweiser dienen. Anstelle lesbarer Internetadressen gibt es lediglich Links bestehend aus kryptischen Zeichenreihen mit der Endung «.onion». Wer eine solche Adresse nicht bereits kennt, ist auf Verzeichnisse wie das HiddenWiki oder Torlinks angewiesen. Auch Suchmaschinen gibt es, sie heissen Grams, Torch oder DuckDuckGo. Das amerikanische Technologiemagazin «Wired» hat Grams einmal als «Google des Darknets» beschrieben. Mit einem gewichtigen Unterschied: Die Produkt-Suchmaschine durchsucht lediglich illegale Darknet-Märkte. Meistgesuchtes Stichwort ist Cannabis, dicht gefolgt von Porno und Kokain.

Wer auf Grams nach Schweizer Anbietern sucht, landet auch auf der Plattform AlphaBay. Ein gewisser Mike bietet gefälschte Schweizer Identitätskarten an. Kostenpunkt: 199 US-Dollar. Diesen Monat lockt er mit einem Sonderangebot: «Kauf zwei und erhalte eine gratis», verspricht er. Seit Juni des vergangenen Jahres will er angeblich bereits acht Fälschungen verkauft haben. Nebenan bietet Dr.FeelWell marokkanisches Haschisch («weich und klebrig») an, Swissprincess hat Kokain aus Peru im Angebot. Verschickt wird die Ware per A-Post, versteht sich.

Die Konkurrenz ist hart unter den Händlern, denn Benutzer vergeben Bewertungen. Wer schnell liefert und gute Qualität bietet, kann sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. «Die Prinzessin ist die schönste und ehrlichste im dunklen Netz!», schreibt ein begeisterter Konsument und meint damit Dealerin Swissprincess. Wer sich als Händler auf einer der illegalen Handelsplattformen etablieren will, braucht eine grosse Klappe. Neu dabei auf AlphaBay ist etwa Swiss-Wilhelm-Tell. Auch er hat peruanisches Kokain im Angebot und verspricht: «Wir verkaufen keinen Scheiss.» Und mit Blick auf die Konkurrenz prahlt er selbstbewusst: «Ab sofort könnt ihr Swissprincess vergessen – Swiss-Wilhelm-Tell rockt das Haus.»

Bevor die Darknet-Händler jedoch liefern, muss Geld fliessen. Das geschieht nicht über die persönliche Kreditkarte, denn schon tags darauf stünde die Polizei vor der Haustür und würde unangenehme Fragen stellen. Stattdessen bezahlen Konsumenten mit sogenannten Bitcoins. Dabei handelt es sich um eine digitale Geldeinheit, die unabhängig von Zentralbanken funktioniert. Das System stützt sich auf eine dezentral verwaltete Datenbank namens Blockchain, in der alle Transaktionen verschlüsselt aufgezeichnet werden. Vorsichtig eingesetzt erlauben Bitcoins kaum Rückschlüsse auf Sender oder Empfänger. Deshalb sind die digitalen Münzen im dunklen Netz so beliebt.

Staatsanwalt beschlagnahmte Darknet-Roboter

Das Bitcoin-System ist nicht von vorn­her­ein illegal – genauso wenig wie herkömmliche Währungen, die Kriminelle für ihre Geschäfte benutzen. Immer mehr Läden und Onlineshops akzeptieren Bitcoins als Zahlungsmittel. In der Stadt Zug kann man seit 2016 am Schalter der Einwohnerkontrolle Beträge bis zu 200 Franken mit Bitcoins bezahlen. Seit vergangenem Jahr gibt es die Internetwährung sogar an sämtlichen Billett­automaten der SBB. Für den Kauf müssen Nutzer allerdings eine Schweizer Handynummer angeben. Wer lieber anonym bleibt, greift auf das Netz von Automaten der Bitcoin Suisse AG zurück. Ein Gerät steht in St.Gallen im Restaurant 90Grad direkt am Marktplatz. Wer den Automaten mit Bargeld füttert, erhält im Gegenzug eine kryptische Bit­coin-Adresse, die man in einer elektronischen Brieftasche auf dem Computer oder Smartphone speichern kann.

Ist der Fall des mutmasslichen Seefeld-Mörders aus Zürich nun ein Hinweis darauf, dass auch in der Schweiz immer mehr Kriminelle auf das Darknet als Hilfsmittel zurückgreifen? Die St.Galler Staatsanwaltschaft führt keine Statistiken über Straftaten, die im Darknet begangen wurden. «Cyberkriminalität ist kein Delikt nach Strafgesetzbuch», sagt Mediensprecher Andreas Baumann. Sicher sei aber, dass das Internet als Hilfsmittel bei Straftaten eine immer grössere Rolle spiele. Baumann verweist darauf, dass Konsumenten verbotene Waren auch über das normale Internet bestellten, zum Beispiel Hanfsamen in Holland. In der Vergangenheit wurden Hunderte solcher Sendungen von den eidgenössischen Zollbehörden sichergestellt.

Andreas Baumann sieht die St.Galler Staatsanwaltschaft auf die digitalen Herausforderungen gut vorbereitet. Es gebe einzelne Staatsanwälte, die sich auch privat vertieft mit digitalen Technologien befassten. «Dieses Wissen geben sie an ihre Kollegen weiter.» Auch bei der St.Galler Kantonspolizei gibt es keine eigentliche Stelle, die sich ausschliesslich mit Verbrechen im digitalen Raum befasst. Allerdings beschäftigt sie Spezialisten, die entsprechende Ermittlungen und Recherchen durchführen können.

Mindestens einmal wurde die St.Galler Staatsanwaltschaft in der Vergangenheit in Sachen Darknet aktiv. 2015 beschlagnahmte sie in der Kunsthalle St.Gallen mehrere Objekte einer Installation. Das Künstlerduo Bitnik hatte einen Roboter entwickelt, der im Darknet selbständig Waren einkaufte. Darunter Zigaretten, gefälschte Handtaschen und ein Paket mit zehn Ecstasy-Pillen. Die Pillen wurden zwar für echt befunden, doch die Künstler entgingen einer Anklage. Das «übergeordnete Interesse» habe den Besitz des Ecstasy gerechtfertigt, schrieb die Staatsanwaltschaft. Auf Facebook lobten Bitnik-Fans den zuständigen Staatsanwalt als «guten Kunstkritiker».

Doch wie gut sind die Behörden tatsächlich auf die Bekämpfung digitaler Gangster vorbereitet? Oft wird das fehlende technische Wissen als grösstes Problem bezeichnet. IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef widerspricht: «Der Grossteil der im Darknet genutzten Technologien ist mehrere Jahrzehnte alt, gut dokumentiert und frei zugänglich.» Viel schwieriger seien die psychologischen Anforderungen. Die Analysten müssten über Monate hinweg eine Scheinidentität etablieren. Dies koste sehr viel Zeit und sei aufwendig. Hinzu kommt, dass die Analysten stark belastbar sein müssen. «Manche Akteure im Darknet zelebrieren regelrecht ihre anarchistische Boshaftigkeit.» Als grösste Herausforderung sieht Ruef die Tatsache, dass Internetkriminalität vor nationalen Grenzen nicht Halt macht. Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern und Behörden gestalte sich oftmals schwierig, weshalb nicht selten Fälle ungewollt im Sand verliefen.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) ist die zentrale Anlaufstelle, um verdächtige Internetinhalte zu melden. Bei den häufigsten gemeldeten Deliktarten wie Erpressung oder Pädokriminalität liegt die Strafverfolgung allerdings in den Kantonen. «Wir können hier eine unterstützende Funktion einnehmen und koordinieren die Zusammenarbeit mit dem Ausland», sagt Mediensprecherin Lulzana Musliu. Ausserhalb eines Strafverfahrens führt das Fedpol auch verdachtsunabhängige Recherchen, um illegale Marktplätze im Darknet ausfindig zu machen. Der hohe Schutz der Verschlüsselung erschwert jedoch die Arbeit. Haben Ermittlungsbehörden angesichts ausgeklügelter Technologien überhaupt eine Chance, Cyberkriminellen auf die Schliche zu kommen? «Auch solche Täter machen Fehler und hinterlassen Spuren», sagt Lulzana Musliu.

Drogenhandel aus dem Kinderzimmer

Ein Beispiel dafür ist Tobias Kuster, der im Darknet eine Waffe kaufen wollte und offensichtlich auf ein Scheinangebot von Ermittlern hereinfiel. Oder der Fall von Shiny, der aus seinem Kinderzimmer im Norden Leipzigs einen Drogenhandel betrieb. Über seinen Darknet-Shop «Shiny Flakes» verschickte der 20-jährige Maximilian S. Kokain, LSD, Ecstasy und verschreibungspflichtige Medikamente an Besteller aus ganz Deutschland. Rund 200'000 Euro Umsatz pro Monat machte der Jungdealer – bis ihm ein entscheidender Fehler unterlief. Maximilian S. hatte Pakete und Briefe mit Drogen falsch frankiert, einige davon landeten bei der Leipziger Polizei. So fanden die Ermittler heraus, dass Shiny seine Briefmarken online kaufte und welche Packstation er häufig benutzte. Ein Spezialkommando nahm ihn am 26. Februar 2014 in seinem Kinderzimmer fest, kurz nachdem ein Kurier aus Holland 60 Kilogramm Drogen geliefert hatte.