Holz im Dialog mit Metall und Glas

Auf Architektur-Tour in Vorarlberg: Hier gibt es zeitgenössische Bauten ganz eigener Prägung. Gemeindesäle, Hotels, Wohnhäuser und Industriebetriebe – alle passen sich der Umgebung an, nehmen aber neue moderne Formen auf.

Michael Guggenheimer
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Kühn blickt das von Architekt Philip Lutz in Bregenz erstellte Einfamilienhaus mit seiner unkonventionellen Terrasse und einer breiten Fensterfront auf den Bodensee. (Bilder: Michael Guggenheimer)

Kühn blickt das von Architekt Philip Lutz in Bregenz erstellte Einfamilienhaus mit seiner unkonventionellen Terrasse und einer breiten Fensterfront auf den Bodensee. (Bilder: Michael Guggenheimer)

Skipisten, freundliche, familiär geführte Hotels, gutes Essen, niedrigere Preise als in der Schweiz. Das ist Vorarlberg. Doch wer mit offenen Augen durch das westlichste Bundesland Österreichs fährt, dem fällt bald auf, dass es noch einen Grund gibt, hier unterwegs zu sein: die zeitgenössische Architektur. Zwischen Bodensee und Arlberg fallen moderne Bauten ganz eigener Prägung auf: Ein- und Mehrfamilienhäuser, kleine Siedlungen, Industriebauten, Schulen und Hotels. Und immer geht Holz mit Glas und Metall einen spannenden Dialog ein.

Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz mit seiner gläsernen Fassade, die gegenüber liegende Raiffeisenbank im Stil der Bauhaus-Moderne oder das Bregenzer Festspielhaus am See sind die wohl bekanntesten Bauten der Moderne in Vorarlberg.

Architekten beschreiben Touren

Die Zahl der auffälligen Bauten geht aber in die Hunderte. Auf der Homepage des Vorarlberger Architektur Instituts sind unter «on tour» jene neueren Bauten beschrieben, die ein Fachgremium als besonders sehenswert taxiert hat. Eine Tour zu ausgefallener Hotelarchitektur kann mit dem Hotel Martinspark in Dornbirn beginnen, wo mit dem Restaurant ein grünes Luftschiff als «Beiboot» am Gebäude angedockt zu haben scheint. Die wohl bekanntesten Vorarlberger Architekten Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle haben einen Bau entwickelt, bei dem bis hin zur Zimmermöblierung alles in ihrem Atelier entworfen wurde.

Fitness vom Allerschönsten

Während das Hotel in Dornbirn noch sehr urban wirkt, passt sich die «Krone» in Au im Bregenzerwald mit ihrer Holzfassade und dem durchscheinenden Lamellenvorhang an der Fassade der ländlichen Umgebung an. Die Architekten Oskar Leo und Johannes Kaufmann haben in den beiden obersten Stockwerken des Hotels von der Strasse aus nicht sichtbar eine Wellnessanlage konzipiert, wohl eine der schönsten ihrer Gattung weit und breit, hat man doch im Winter wegen der atemberaubenden Rundumaussicht den Eindruck, inmitten der schneebedeckten Alpenlandschaft zu liegen.

Wie eine moderne Arche Noah wirkt der Gemeindesaal in Mäder. Der grosse, schwungvoll gerundete, in Braunrot leuchtender Holzverschalung erstellte Veranstaltungssaal bietet fast 500 Personen Platz. Was sich vorne bauchig vorwölbt, überrascht auf der Rückseite mit kubischen Formen. Mit diesem Bau haben Baumschläger und Eberle einer Gemeinde, die aus einer diffusen Ansammlung von Einfamilienhäusern besteht, ein markantes Kulturgebäude zu geben gewusst, in dem Theateraufführungen und Konzerte stattfinden.

Die beiden Architekten, die mittlerweile weltweit tätig sind, beherrschen die Klaviatur der Architektur wie wenige andere. Es muss nicht immer Grosses sein: An der Ölrainstrasse in Bregenz haben sie auf schmalem Grundstück ein kompaktes Haus mit traditionellen Lärchenholzschindeln an der Wetterseite und knalligem Gelb auf Dreischichtholzplatten an der Nord- und Ostseite erstellt, dessen grosszügige Raumfolge jeden Besucher erstaunt. Kühn blickt das von Architekt Philip Lutz am Hang in Bregenz erstellte Einfamilienhaus mit seiner unkonventionellen Terrasse und mit einer breiten Fensterfront auf den Bodensee. Während Keller und Souterrain in Stahlbeton erstellt wurden, wurde die Aussenwand mit Schindeln aus Vorarlberger Weisstanne verkleidet, genauso wie die Dielen, die Wände und die Decken.

Neue Alpenarchitektur

Die Dichte moderner Bauten ist der «Vorarlberger Bauschule» zu verdanken, einer kleinen losen Gruppe von Architekten und Handwerkern, die in den 80er-Jahren mit innovativen Wohnhäusern und Siedlungen bekannt wurde. Sie gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der Neuen Alpenarchitektur, die nachhaltig gebaut ist und älplerisch-traditionalisierende Formen und Konstruktionen nicht kopiert.

Macher, weniger Theoretiker

Die Vertreter der «Vorarlberger Bauschule» verstanden sich weniger als Theoretiker denn als Macher. Besonders im Holzbau ist mit den Jahren beachtliches Know-how herangewachsen, das auf einer ungebrochenen Handwerkstradition aufbauen konnte. Hinzu kommt eine einheimische Holzbauindustrie, die mit hoher Vorfertigung im Werk kostengünstig und schnell produziert. Zimmermannskunst und Architektur gingen früh eine enge Verbindung ein.

Zu den frühen und wegweisenden Bauten der neuen Architekturbewegung gehört die Wohnanlage Im Fang in Höchst: Hier bauten Architekten, die zum Teil noch Studenten waren, ein kostengünstiges Projekt. Am Bau beteiligten sich die künftigen Bewohner, die sich erst dadurch die eigene Wohnung leisten konnten. Vorfabrizierte Holzskelette wurden innerhalb von wenigen Tagen aufgesetzt. Gedeckte Innenhöfe und Gemeinschaftsräume kennzeichnen die Anlage, in der komplexe Raumfolgen spannende Wohnungen ergeben.

Umweltfreundlich seit jeher

Wie sehr sich die Vorarlberger Architekten seit jeher für umweltfreundliches Bauen engagiert haben, ist am «Doppelhaus R. und H.» in Bregenz zu sehen, das Architekt Walter Unterrainer entworfen hat: Innerhalb von bloss zwei Tagen wurde die vorfabrizierte Gebäudehülle installiert, die ein wärmegewinnendes Dämmsystem aufweist. Wie ein High-Tech-Bau wirkt das Holzhaus, dessen Südseite voll verglast ist und simple Jalousien als Sonnenschutz nutzt. Das Gebäude wurde deswegen mit dem Solarpreis des Landes Vorarlberg ausgezeichnet.

Dass sie nicht nur Neues erstellen, sondern auch bestehende Gebäude auf vortreffliche Weise neu definieren können, haben die Architekten Helmuth Dietrich, Much Untertrifaller, Hermann Kaufmann und Christian Lenz mit dem inatura-Museum in Dornbirn gezeigt: Eine ehemalige Maschinenfabrik, zentral gelegen, hat sich zur Erlebnisausstellung zum Thema Natur gewandelt. Das Museum liegt im idyllischen Stadtgarten, an dem die Winterthurer Landschaftsarchitekten Stefan Rotzler und Matthias Krebs Hand angelegt haben.

Zumthor und die Vorarlberger

In Nachbarschaft des Kunsthauses Bregenz kann seit dem Sommer ein weiteres Beispiel der jüngeren Architektur des Landes besucht werden: das Vorarlberg Museum von Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur, dessen Fassade ein Kunstwerk eigener Prägung ist.

Wie nahe sich der Basler Peter Zumthor, der seine Ausbildung zum Möbelschreiner in der väterlichen Werkstatt absolvierte, und die Vorarlberger im Geiste sind, zeigt ein neuer Bau: Der Werkraum Bregenzerwald in Andelsbuch, ein Entwurf Zumthors, versammelt mit rund hundert Mitgliedsbetrieben innovatives Handwerk unter einem Dach.

Holz und moderne Formen

Auf der anderen Strassenseite steht das Gemeindehaus von Andelsbuch. Inmitten einer Landschaft, die von bäuerlich-dörflicher Architektur geprägt ist, passt sich das Haus mit seiner Holzverschalung der Umgebung an, nimmt jedoch auch Formen der Moderne auf. Genau das ist typisch für Vorarlberg.

Oben der Gemeindesaal in Mäder, unten ein Einfamilienhaus in Bregenz: Holzarchitektur allerorten.

Oben der Gemeindesaal in Mäder, unten ein Einfamilienhaus in Bregenz: Holzarchitektur allerorten.

fc - Architektur Vorarlberg

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