Ein Anti-Erdogan ist nicht in Sicht

Zwei Wendepunkte hätten zur stärkeren Islamisierung der Türkei geführt, sagt der Islamwissenschafter Maurus Reinkowski. Kritik von aussen verstärke das Solidaritätsgefühl der Bevölkerung mit der türkischen Regierung.

Bruno Knellwolf
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Maurus Reinkowski Professor für Islamwissenschaft an der Universität Basel (Bild: pd)

Maurus Reinkowski Professor für Islamwissenschaft an der Universität Basel (Bild: pd)

Herr Reinkowski, lange glaubte man bei uns, die Türkei sei aufgrund ihrer kemalistischen Tradition ein Bollwerk gegen ausufernden Islamismus. Vor 20 Jahren sah man in Istanbul noch kaum ein Kopftuch. Und heute?

Maurus Reinkowski: In Istanbul sieht man heute viele Kopftücher, aber dennoch ist die Situation in der Türkei noch vollständig unterschiedlich von Ägypten, einem Land, wo mittlerweile Frauen ohne Kopftuch eine wirkliche Ausnahme sind.

Wann war der Wendepunkt weg vom Säkularen?

Reinkowski: In der Türkei gibt es sicherlich zwei entscheidende Wendepunkte: Nach dem letzten grossen Militärputsch von 1980 versuchte das Militär, die alte Konfrontation zwischen dem linken und rechten Lager, das die 1970er-Jahre so sehr geprägt hatte, aufzubrechen. Unter anderem mit der Förderung eines moderaten islamischen Konservativismus. Der zweite Wendepunkte war die Übernahme der Regierung durch die heute noch immer regierende AKP im Jahr 2002, weil damit islamischer Frömmigkeit, und dazu gehört auch das Kopftuch, nun ein öffentlicher Raum zugestanden wurde.

Hat ein Bevölkerungsteil im dunkeln geschlummert, der von Atatürks Kemalismus eigentlich nichts wissen wollte und deshalb nur auf einen Führer wie Erdogan gewartet hat?

Reinkowski: Ja, man kann das so sagen. Der Kemalismus drängte einen Teil der ländlichen Bevölkerung und ihre religiöse Haltungen an den Rand, machte diese unsichtbar. Mit der Landflucht ab den 1960er-Jahren kam diese Bevölkerung in den Grossstädten der Türkei an. Sie blieb hier aber wirtschaftlich, sozial und kulturell marginalisiert, auch wenn sie vielleicht schon in den 1970er-Jahren die demographische Mehrheit in den Städten stellte.

Und diese hat sich nun gemeldet?

Reinkowski: Diese ländlich geprägte, konservative Bevölkerung konnte ab den 1980er-Jahren mehr Sichtbarkeit gewinnen, aber erst die Zeit der AKP-Regierung gab ihr wirkliches Gewicht. Der charismatische Autoritarismus Erdogans, der mit einer ihnen vertrauten Stimme spricht, trifft sehr gut die Erwartungen dieser konservativen Bevölkerungsteile mit einer Migrationsgeschichte.

Äussert sich Erdogan eigentlich offiziell gegen den Kemalismus und seinen Vater Atatürk?

Reinkowski: Erdogan ist hier vorsichtig, wohl zum Teil auch aus taktischem Kalkül, um nicht zu viele, die Atatürk nach wie vor verehren, vor den Kopf zu stossen. Erdogan wendet sich eher gegen seiner Meinung nach falsche Entwicklungen des Kemalismus. Nach wie vor wird die Führerrolle von Atatürk nicht direkt in Frage gestellt, aber sie wird doch impliziert relativiert.

Auch bei den Kemalisten stand die Religion unter Kontrolle des Staates. Zumindest in diesem Punkt verhält sich Erdogan kemalistisch. Gibt es noch weitere Spielarten?

Reinkowski: An mehrere Aspekte der kemalistischen Politik, wie zum Beispiel unbedingte nationale Souveränität oder die Vorstellung einer von oben herab verordneten Modernisierung der Gesellschaft, können Erdogan und die AKP sehr gut anschliessen. Man könnte sogar argumentieren, dass Erdogan der Auffassung ist, seine Aufgabe wäre, den Kemalismus vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Das heisst, ein seiner Meinung nach richtig interpretierter Kemalismus, der die bisher fehlenden Aspekte islamischer Konservativität und Religiosität mit einbringt, wäre dann ein gewissermassen vollendeter Kemalismus.

Hierzulande wundert man sich über die Begeisterung über Erdogan in der Türkei – und vereinzelt auch von Türken, die in der Schweiz wohnen. Was speist diese Begeisterung hauptsächlich?

Reinkowski: Erdogan kann sehr gut an die Emotionen grosser Teile der Bevölkerung appellieren; aber er polarisiert auch sehr stark. Es gibt wohl niemanden mehr in der Türkei, der Erdogan gleichmütig begegnen würde. Entweder man verehrt ihn oder man hasst ihn.

Wer macht was?

Reinkowski: Die säkularen Bevölkerungsteile, die Aleviten und mittlerweile auch die Kurden können ihn nur ablehnen. Das heisst, er hat nur rund die Hälfte der Bevölkerung hinter sich. Seine Fähigkeit besteht darin, das Gefühl von vielen Türkinnen und Türken anzusprechen, bisher nur stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Sei es von der Geschichte, vom Westen, von den kemalistischen Eliten und so weiter. Er füllt bisherige Lücken im Selbstbewusstsein und stachelt zugleich auf. In diesem Sinne kann Erdogan auch sehr gut die Gefühle von Türken in der europäischen Diaspora, eher am Rande zu leben und von der Mehrheitsgesellschaft geringgeschätzt zu sein, ansprechen.

Wo ist die alte kemalistische Opposition geblieben?

Reinkowski: Die alte kemalistische Fraktion war ja niemals Opposition, sondern immer daran gewöhnt, das Heft in der Hand zu halten. Letztlich hat die alte kemalistische Elite niemals eine Antwort darauf gefunden, nicht mehr die Macht innezuhaben. Das Schicksal der seit 2002 immer im Parlament vertretenen, aber dennoch eher schwach agierenden Partei CHP, die das Erbe des Kemalismus hochhält, ist dafür bezeichnend. Die kemalistische Opposition ist heute weitgehend fragmentiert und erscheint kaum mehr handlungsfähig.

Ist die Islamisierung der Türkei überhaupt zu stoppen?

Reinkowski: Schwer zu sagen, aber zurzeit hat man den Eindruck, dass der Zug in Richtung einer stärkeren islamischen Identität der Türkei kaum aufzuhalten ist. Dabei muss man aber beachten: Die Islamisierung der Türkei wird immer eine andere sein als etwa die streng orthodoxe Spielart des Wahhabismus in Saudi-Arabien oder die der Islamischen Revolution in Iran.

Ist es möglich, dass es einen Anti-Erdogan geben wird, der sich wieder an Atatürk hält, oder ist die Gesellschaft zu stark islamisiert?

Reinkowski: Bemerkenswerterweise verbleiben derzeit als einzige starke Opposition nur die Aleviten und die Kurden. Sie können hinhaltend Widerstand leisten, aber natürlich nicht eine neue Führerfigur für die Türkei produzieren. Ein Anti-Erdogan ist daher kurzfristig nicht in Sicht. Wenn überhaupt, dann käme er wohl eher aus dem gemässigten islamischen Spektrum und würde einem Persönlichkeitsprofil entsprechen wie dem des ehemaligen Staatspräsidenten Abdullah Gül. Eine solche Person würde im Idealfall weiterhin einen islamischen Konservativismus verfechten. Aber dem sich immer stärker zeigenden Autoritarismus Erdogans ein deutliches Bekenntnis zu demokratischen Spielregeln entgegensetzen.

Häme und Hass werden derzeit stark mobilisiert. Warum scheinen das weite Teile der Bevölkerung nicht zu durchschauen?

Reinkowski: Die Euphorie über den abgewehrten Putsch und damit über diesen einmaligen Erfolg der türkischen Zivilgesellschaft ist viel zu gross. Erdogan ist ein grossartiger Manipulator, der aus den Menschen in der Türkei das Beste und Schlechte zugleich herausholen kann. Vor wenigen Monaten noch hätte wohl eine wirtschaftliche Krise Erdogan entzaubern können. Selbst das ist nun eher unwahrscheinlich geworden, weil Erdogan allzu leicht auswärtige Kräfte für einen solchen Einbruch verantwortlich machen kann. Kritik von aussen verstärkt eher nur Solidaritätsgefühle in der Türkei – wie auch unter Türken in Europa. Deshalb wird die Aussenstehenden scheinbar so deutlich vor Augen liegende Wirklichkeit von Türkinnen und Türken ganz anders gesehen.

Militärputsch 1980 in Ankara, Proteste gegen Erdogan-Regierung und gleichzeitig gegen das Kopftuchverbot an Universitäten 2008. Kundgebung der Säkularen 2007 (im Uhrzeigersinn). (Bilder: ap/Burhan Ozbilici, epa/Kerim Okten, ap/Ibrahim Usta)

Militärputsch 1980 in Ankara, Proteste gegen Erdogan-Regierung und gleichzeitig gegen das Kopftuchverbot an Universitäten 2008. Kundgebung der Säkularen 2007 (im Uhrzeigersinn). (Bilder: ap/Burhan Ozbilici, epa/Kerim Okten, ap/Ibrahim Usta)

Legende (Bild: ap/Ibrahim Usta)

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