WUNDERKINDER: Die Mühen der Überflieger

Kinder mit einem IQ von 130 scheitern oft im Alltag. Eine These, die immer mehr Aufwind erhält. Darob gehen die intellektuellen Überflieger vergessen, die keine Probleme in der Schule haben.

Diana Hagmann-Bula
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Wolfgang Amadeus Mozart: Wurde als Wunderkind bekannt, besuchte nie eine Schule, einer der berühmtesten Komponisten. (Bild: Mozarteum)

Wolfgang Amadeus Mozart: Wurde als Wunderkind bekannt, besuchte nie eine Schule, einer der berühmtesten Komponisten. (Bild: Mozarteum)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Es gibt diese Wunderkinder. Die, die mit acht Jahren so virtuos Klavier spielen, dass sie Konzertsäle füllen. Die mit zehn Jahren so gut rechnen, dass sie die Maturaprüfung in Mathematik bestehen. Hört man sich bei Eltern und Menschen um, die Vereine zur Aufklärung über Hochbegabung gegründet haben, erhält man einen anderen Eindruck: Hochbegabung, das bedeutet nur Probleme.

Da ist zum Beispiel dieser Bub, der früh geredet hat und an allem interessiert gewesen ist, wie ihn seine Mutter beschreibt. Intelligent, ja. Aber hochbegabt? Sie liess ihn normal einschulen. «Doch er blödelte nur im Unterricht», sagt die alleinerziehende Ostschweizerin. Später habe er geweint, wenn er zur Schule musste, über Bauch- und Kopfweh geklagt. ADHS, lautete die Diagnose der Kinderpsychiaterin. Doch die verordnete Ergotherapie wirkte nicht. «Von Seiten der Lehrerin hiess es weiterhin, das Kind könne sich nicht benehmen. Dabei war es unterfordert.» Zusatzaufgaben habe der Bub oft nur bekommen, wenn er sich vor der Klasse für sein störendes Benehmen entschuldigt habe.

Selbstmordversuch eines Unterforderten

Die Mutter entschliesst sich, noch eine Kinderpsychologin zu konsultieren. Diese schlägt einen Intelligenztest vor. Ergebnis: Der Bub ist hochbegabt. «Sie kenne sich mit solchen Kindern nicht aus, sagte die Lehrerin», erzählt die Mutter. Der Bub leidet weiter. «Anzusehen, wie er nicht mehr isst, wie er aggressiv wird, wie er den Kopf gegen die Wand schlägt, das war schlimm.» Eines Tages steht der Achtjährige daheim in der Garderobe – in der Hand einen Gurt, mit dem er sich erhängen will. Ab der vierten Klasse besucht er eine Privatschule, die sich auf Begabungsförderung spezialisiert hat. Die Gemeinde unterstützt die Alleinerziehende finanziell. Nach dem Übertritt ist alles besser: «Er lachte wieder.» Diesen Sommer beginnt er nun eine Lehre als Informatiker.

Der hochbegabte Bub, der nicht kompatibel mit dem öffentlichen Schulsystem ist: Kein Einzelfall, sagt die Wiler Kinderpsychotherapeutin Elisabeth Zollinger. «Das Lerntempo Hochbegabter und die öffentliche Schule passen häufig nicht zusammen. Das Kind langweilt sich und hängt ab.» Hochbegabte würden ganze Texte, nicht zwei Seiten voller M und Z schreiben wollen. Sie würden im 1000er-Bereich rechnen wollen, nicht im Einmaleins. «Im Komplizierten sind sie spitze, im Einfachen oder in der Rechtschreibung oft schlecht. Sie erachten es als zu unwichtig, um sich damit abzugeben. Und bringen deshalb nicht immer Sechser nach Hause.» Dass Hochbegabte nur gute Noten hätten, sei ein weitverbreitetes Klischee, sagt Zollinger. Einige Monate lang könne ein Kind Unterforderung vielleicht aushalten, nicht aber über Jahre. «Dann zeigen sich manchmal Symptome wie Apathie, depressive Verstimmungen oder Suizidgedanken.»

Öffentliche Schulen haben aber dazugelernt. Sie bieten Förderprogramme, Zusatzaufgaben oder Zeitfenster für Projekte an, bei denen intellektuelle Überflieger sich geistiges Futter beschaffen können. Zollinger bemängelt: «Diese Begabtenförderung richtet sich an sehr intelligente Kinder, für Hochbegabte ist sie aber oft zu wenig.» Und fordert, dass Kinder mit einem Intelligenzquotient ab 130 ein bis zwei halbe Tage pro Woche vom Unterricht dispensiert werden – damit sie an Kursen teilnehmen oder mit einem Studenten an kniffligen Aufgaben herumtüfteln können. «Das motiviert, die restliche Woche durchzustehen.»

«Das ist doch ein elitäres Problem!»

Die Schule als täglicher Kampf, das hat auch ein Vater zweier hochbegabter Buben aus Wil miterlebt. «Den Älteren hat nicht einmal die Sonderförderung in der Privatschule wieder begeistern können», sagt der 48-Jährige Familienvater. Als Eltern freue man sich zwar über das Geschenk, ein Kind mit überdurchschnittlicher Denkleistung zu haben. «Manchmal neigt man aber dazu, zu denken: Warum kannst du nicht einfach nur intelligent sein?»

Im Gespräch mit anderen Eltern erwähnt der Vater die Hochbegabung seiner Kinder oft nicht. «Viele können sich nicht vorstellen, dass Intelligenz Schwierigkeiten machen kann. Sie halten das für ein elitäres Problem!», sagt er. Musikalische und sportliche Talente würden in der Schweiz gefördert. «Geht es um das kognitive, nicht fachspezifische Denken, sieht es anders aus. Damit kann man eben keine Pokale gewinnen.» Die Schweiz tendiere zum Mittelmass, wer obenaus schwinge, werde beneidet oder schräg angeschaut. Der Kantonsschullehrer wünscht sich keine Albert Einsteins, wie er betont. Er wünscht sich Kinder, die trotz Hochbegabung einen Weg finden, der sie glücklich macht. Und eine Schule, welche die Kinder dabei wirklich unterstützt.

Glücklich sein, eben das fällt Hochbegabten manchmal schwer. «Ein überdurschnittliches Potenzial bedeutet oft, überdurchschnittlich kritisch mit sich selber und dem Umfeld zu sein», sagt Gabriela Fieseler, Leiterin der Regionalgruppe Ostschweiz des Elternvereins für hochbegabte Kinder (EHK). Hochbegabte würden sich gelegentlich altklug ausdrücken, Gleichaltrige empfinden das als seltsam und gehen dem Kollegen mit hohem IQ lieber aus dem Weg. Oder lachen ihn aus, weil er über Planetensysteme schwadronieren, aber sich nicht die Schuhe binden kann.

Wichtig für hochbegabte Kinder sei eine liebe- und verständnisvolle Begleitung. Eine, die ihnen die Regeln unserer Gesellschaft beibringe. «Etwa, dass es nicht höflich ist, anderen zu sagen, sie seien Lamas oder blöd, nur weil man selber schon fertig ist», sagt Fieseler, die der Wiler Privatschule Kits mit individueller Begabtenförderung vorsteht. Natürlich gebe es aber auch jene hochbegabten Kinder, die problemlos durch die Schulzeit kommen. Jene, die sich anpassen. Und statt wie daheim hochdetaillierte Skizzen zu zeichnen, im Beisein anderer Kinder wieder Strichmännchen malen. «Bei ihnen wird Hochbegabung oft nicht einmal diagnostiziert.»

Hochbegabung ist keine Hochgefährdung

Eben von diesen Kindern ist unterdessen zu selten die Rede. «Gerade in der populärwissenschaftlichen Literatur wird Hochbegabung mit Hochgefährdung gleichgesetzt», schrieb Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in der Neuen Zürcher Zeitung. Ein Grossteil der hochbegabten Kinder aber sei glücklich durch die Schulzeit gegangen. «Vielleicht da und dort etwas unterfordert, häufig jedoch gut unterstützt von engagierten Lehrern.» Auch Studien zeigen immer wieder, dass ein hoher Intelligenz-Quotient durchaus ein Erfolgsgarant ist. US-amerikanische -Intelligenzforscher etwa bewiesen, dass Hochbegabte deutlich häufiger einen Doktortitel erlangen als die Allgemeinbevölkerung. Ganz so düster sieht es für die Überflieger also doch nicht aus.