Das entwurzelte Kind

In grosser Ehrlichkeit erzählt die Journalistin Klara Obermüller in einem Buch ihr Leben. An dessen Anfang stehen ein St. Galler Kinderheim – und Eltern, die sie niemals kennenlernen wird.

Rolf App
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Weihnachten 1948: Klara Fuhrimann hat gerade ihr allererstes Buch bekommen. «Es könnte <Das alte Märchenbuch> gewesen sein.» (Bild aus: Klara Obermüller, Spurensuche)

Weihnachten 1948: Klara Fuhrimann hat gerade ihr allererstes Buch bekommen. «Es könnte <Das alte Märchenbuch> gewesen sein.» (Bild aus: Klara Obermüller, Spurensuche)

Das Mädchen liegt auf einem Teppich. Ernsten Gesichts studiert es ein Buch, das es zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Silbern fällt das Licht über sein feines Haar. Was für ein schönes Bild, das Klara Obermüllers Vater da von seiner achtjährigen Tochter gemacht hat.

«Da muss man ehrlich sein»

Jetzt sitzt sie mir gegenüber, ich rechne nach. 68 Jahre liegen zwischen dem Foto von damals und heute. Noch immer hat sie dieses feine, leicht gewellte Haar, neugierig schaut sie mich an. Ob mein Name in ihr etwas hat anklingen lassen? Etwas, von dem «Spurensuche» erzählt, ihr «Lebensrückblick in zwölf Bildern», der gerade erschienen und Anlass für unser Gespräch ist? Und in dem sich die Journalistin, Buchautorin und Fernsehmoderatorin von vielen verletzlichen Seiten zeigt.

Sie ist ungemein ehrlich, selbst da, wo diese Offenheit sie angreifbar macht. «Wenn man so etwas macht, dann muss man ehrlich sein», sagt Klara Obermüller. «Sonst kann man es bleiben lassen.» Manchmal lege man sich etwas zurecht, das sich dann in der Überprüfung als falsch herausstellt. «Mich hat immer der Satz von Max Frisch beschäftigt: <Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält.>» Dem entgehen könne man, indem man genau recherchiere. «Und indem man sich selbstkritisch befragt. Ich wollte mir Rechenschaft ablegen und auch revidieren, was zu revidieren ist.»

Die tiefe Angst der Mutter

Liebevoll beschreibt Klara Obermüller Vater und Mutter, erzählt von den Märchen und Geschichten, die sie ihr erzählt haben, lässt den Sonntagmorgen im elterlichen Bett lebendig werden und das Quartier, in dem sie in Zürich-Wollishofen aufwächst. Ebenso lebendig werden aber lässt sie die Schatten. Sie erzählt, wie die Mutter tief traumatisiert ist vom tödlichen Unfall ihres Bruders, für den sie sich mitverantwortlich fühlt. Und wie dieses frühe Unglück ihr Leben mit Angst erfüllt. Auch mit tiefer Angst um die eigene Tochter, die sie immer wieder zu verlieren fürchtet.

Als Klara neun ist, erzählt ihr die Mutter auf einem Spaziergang im Wald, dass sie nicht ihre leibliche Mutter sei. Am 11. April 1940 sei sie in St. Gallen zur Welt gekommen und von ihnen im Kinderheim adoptiert worden. Dann ermahnt sie die Tochter, nicht darüber zu reden. «Da ahnte ich, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war.»

Der Makel setzt sich fest in ihrem Kopf, stets wird sie ihre Identität als etwas Fragliches empfinden. Wer bin ich? Die Frage wird akut in der Pubertät. Klara Fuhrimann ist 16 oder 17, als sie den Schreibtisch des Vaters durchsucht und auf die Adoptionsakten stösst. «Sie sagten mir in dürrem Beamtendeutsch, dass mein Erzeuger ein Hallodri gewesen sei, der meine Mutter geschwängert und danach im Stich gelassen habe, und meine Mutter eine labile und wenig attraktive junge Frau», schreibt Klara Obermüller in ihrem Buch.

Der untreue Gärtner

Diese leibliche Mutter, Rosa Klara Bossert, verbringt Jahre in psychiatrischen Anstalten. In ihrem Lebenslauf schreibt sie im Juli 1941: «Vor zwei Jahren schenkt ich einem untreuen Gärtner ein liebes Kind. Der Vater liess mich im Stich. Hatte kein Geld und ich auch nicht. Musste mein Kind hergeben ins Niemandsland.»

Den Namen des Gärtners entnimmt Klara Obermüller den Dokumenten in Vaters Schreibtisch: «Josef App soll er geheissen haben und Sohn einer ursprünglich aus Deutschland stammenden Familie in Rorschach gewesen sein.» Josef App: So hiess mein Onkel. Das «schwarze Schaf» der Familie, das ich selber nie kennengelernt habe. «Dann sind wir also Cousin und Cousine?», fragt Klara Obermüller. Ja, so ist es.

Ein junger Mann in der Kathedrale

In St. Gallen fängt ihr Leben an, nach St. Gallen führt noch zweimal ihr Weg. 1963 nimmt sie während ihres Studiums teil an einer kunsthistorischen Exkursion zur Klosterkirche St. Gallen und lernt dabei Peter Obermüller aus Heidelberg kennen, den sie 1967 heiratet. Es ist, stellt sie im Rückblick fest, «die einzig legitime Möglichkeit, mich aus der Umklammerung meiner Mutter zu befreien und ein eigenes Leben zu leben». Doch die beiden machen einander das Leben schwer und trennen sich wieder.

Dann kommt er: Walter Matthias Diggelmann. «Wie ein Naturereignis brach er über meine wohlgeordnete Welt herein», schreibt Klara Obermüller. Die wohlgeordnete Welt: Das ist, nach dem Studium und nach einem Volontariat bei der Zeitschrift «Du», ihre Stelle im Kulturressort der NZZ. Diggelmann ist ein linker Rebell. Und eine verwandte Seele. «Unterschwellig stand mir der Mann, der seinen Vater nicht kannte und zeit seines Lebens auf der Suche nach seiner Identität und einem Platz in der Gesellschaft war, näher, als irgendjemand von aussen ahnen konnte.»

Reisen in die DDR

Und obwohl ihr ihr Chefredaktor rät, doch einfach Privates und Berufliches zu trennen, spürt Klara Obermüller: Das geht nicht. Nicht mit ihr. Sie kündigt, glaubt eine Zeitlang ihr Heil im Marxismus gefunden zu haben. Bald schon mischen sich skeptische Töne in jene Beobachtungen, die sie auf gemeinsamen Reisen mit Walter Matthias Diggelmann in die DDR sammelt.

Beruflich erweist sich die Trennung von der NZZ als Glücksfall. Klara Obermüller schreibt für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und lernt viel von Marcel Reich-Ranicki, in dessen «Literarischem Quartett» sie mitwirken wird. Sie schreibt Jugendbücher, arbeitet als Übersetzerin, und findet Anstellung bei der – zu dieser Zeit – wunderbar chaotischen, sehr kreativen und manchmal sogar mit Geld gesegneten «Weltwoche».

Die Beinahe-Chefredaktorin

Dann, drei Jahrzehnte nach ihrer Bekanntschaft mit Peter Obermüller, führt ihr Lebensweg sie erneut in die Ostschweiz. 1994 soll sie Chefredaktorin des «St. Galler Tagblatts» werden. Viele Gespräche sind geführt, man spricht schon über den Lohn, sie hat sogar schon eine kleine Wohnung gemietet. Da stellt sich ein führender freisinniger Politiker quer.

Und wieder erweist sich das Scheitern als Chance: Spät im Leben, mit 56 Jahren, geht Klara Obermüller zum Fernsehen, moderiert die «Sternstunde Philosophie». «Ich war mir gar nicht bewusst, wie verschieden Fernsehen als Medium von dem ist, was ich bis dahin gemacht hatte», sagt sie. «Aber ich habe es gemacht wie so oft: Mich ins Abenteuer gestürzt.»

Kein glattpoliertes Leben

Wer bin ich? Die Frage begleitet sie, es ist ein roter Faden durch ein Leben, dessen wichtige Weichen oft genug der Zufall stellt. Klara Obermüller fehlen die familiären Wurzeln. Aber beim Lesen ihres Lebensberichts lässt sich durchaus eine innere Linie erkennen: Sie ist immer auf der Suche nach Wahrheit, und empfindet diese Wahrheit selten als einfach.

So ist sie auch mit 76 weit davon entfernt, ihr Leben durch selektives Vergessen von Unangenehmem und Konflikthaftem glattzupolieren. Sie ist zwar dankbar, vor allem für die 34 Jahre, die sie nun schon an der Seite ihres dritten Mannes Kurt Studhalter verbringen darf. Aber sie fragt sich auch, was sie verpasst hat. Und sie denkt über den «letzten dunklen Punkt» nach, den Tod. Sie bleibt, was sie schon immer gewesen ist: eine wache Beobachterin der Menschen, und ihrer selbst.

Klara Obermüller: Spurensuche – Ein Lebensrückblick in zwölf Bildern, Xanthippe 2016, 205 S., Fr. 29.80