THEATER: Was ist Wahn, was Wirklichkeit?

Das Theater Konstanz inszeniert Gerd Zahners Stück über Aby Warburg im Kult-X Kreuzlingen – unweit des ehemaligen Sanatoriums Bellevue. Da war der Kunst- und Kulturwissenschafter behandelt worden.

Dieter Langhart
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Aby Warburg (l.), Sonja Kreis und Ludwig Binswanger in «Gespräche mit einem Nachtfalter». (Bild: Bjørn Jansen/Theater Konstanz)

Aby Warburg (l.), Sonja Kreis und Ludwig Binswanger in «Gespräche mit einem Nachtfalter». (Bild: Bjørn Jansen/Theater Konstanz)

Knapp vierzig Zuschauer sind Augenzeugen von Gesprächen, die vor knapp hundert Jahren stattgefunden haben könnten. Von Dialogen und Wutausbrüchen, von Verzweiflung und Zuspruch. Der Autor Gerd Zahner hat sich in die Gedanken eines Patienten und seines Arztes versetzt: Aby Warburg, jüdischer Bankierssohn aus Hamburg und angeblich schizophren, und Daniel Binswanger, Spross einer bedeutenden Psychiaterfamilie und Leiter des Sanatoriums Bellevue.

Ein intimes Setting, ein intimes Stück über zwei kunst- und kulturbeflissene Männer, die – wie es Tradition im Bellevue war – fast familiären Kontakt hatten, von Warburgs Einlieferung 1921 bis zu seiner Entlassung 1923. Hier der Bücher- und ­Bildersammler und Begründer der Ikonografie, da der respekt­volle und verständnisvolle Arzt. Zahner spielt intensiv mit dieser Ausgangslage, erweckt zwei brillante und ebenbürtige Geister zum Leben, lässt sie in heftigen Dialogen aufeinanderprallen, bis sich die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn verwischt. Dazwischen Sonja Kreis, Erzählerin und Pflegerin.

Ein Helm als Symbol für das Dröhnen im Kopf

Oliver Vorwerk hat das Stück «Aby Warburg: Gespräche mit einem Nachtfalter» für das Theater Konstanz inszeniert – unweit der kümmerlichen Reste des ehemaligen Bellevue. Eng ist es im Kult-X: Bemalte Plexiglasscheiben trennen die drei Stuhlreihen von den Spielern, Zeichnungen verdecken die Fenster (Ausstattung: Elena Bulochnikova). Und Vorwerk begeht einen Fehler.

Er bittet das Publikum in der Mitte des Stücks in die intensive Handlung und macht später aus Augenzeugen unsicher herumstehende Statisten. Dabei hat die Inszenierung intensiv genug begonnen. Aby Warburg (Julian Härtner) windet sich unter einem Motorradhelm, erträgt kaum das grelle Chaos in seinem Kopf, das aus den Lautsprechern brüllt. Ludwig Binswanger (Georg Melich) versucht den verzweifelten Patienten zu beruhigen. Sie fechten einen stummen Zweikampf aus, dann tanzt er mit Sonja Kreis (Anny De Silva) und Zwangsjacken um Warburg, der sich hatte erschiessen wollen und «ich zerbreche an der Welt» sagt oder «ich wollte die Zeit präparieren wie einen Schmetterling» und sich die Hände wäscht, bis Blut in das Becken rinnt.

Körperliches Spiel zwischen Hopi und Hitler

Vorwerk schafft starke, eindringliche Bilder, die Zahners Sätze und Dialoge untermalen, aber auch mit ihnen konkurrieren. Der Regisseur lässt die drei Darsteller jeden Zentimeter des Raums nutzen, ihr ungemein körperliches Spiel begeistert.

Binswanger spricht von den Ärzten als einer geschlossenen Gesellschaft und sagt zu seinem Patienten: «Wenn Sie es schaffen, einen schlüssigen Vortrag zu halten, dann sind sie gesund.» Am 21. April 1923 hielt Aby Warburg seinen Vortrag über das Schlangenritual der Hopi.

Binswanger erklärt ihn für geheilt, beide Schauspieler verlassen die Bühne. Stark der Premierenapplaus, nachdem das Publikum sich noch Warburgs Bilder anschauen musste. Auf einem stand «Adolf H.?», Andeutung an Warburgs Zeitungsarchiv zum Ersten Weltkrieg und seine Vorahnung vom Schicksal der Juden.

Dieter Langhart

Hinweis

Vorstellungen: 25.3. bis 28.4., Schiesser-Areal, Kreuzlingen