Ist der Mensch ein Monster?

Stevensons Horrorklassiker von Dr. Jekyll und Mr. Hyde hat die Theaterwerkstatt Gleis 5 als Freilichtstück neu geschrieben. Die Inszenierung arbeitet Zwischentöne heraus und bringt Humor und weibliche Aspekte ins Spiel.

Dieter Langhart
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Kammertheater unter freiem Himmel: Dr. Jekyll (Giuseppe Spina) braut sich den Trank, der ihn in Mr. Hyde verwandeln soll. (Bild: Reto Martin)

Kammertheater unter freiem Himmel: Dr. Jekyll (Giuseppe Spina) braut sich den Trank, der ihn in Mr. Hyde verwandeln soll. (Bild: Reto Martin)

ISLIKON. Dr. Jekyll, die Augen von Angst erfüllt, fragt seine Verlobte: «Bin ich ein Monster?» Mina beruhigt ihn: «Du bist kein Monster, Henry, du bist ein Mann, der den Weg verloren hat.» Dr. Jekyll gibt es, in Robert Louis Stevensons berühmter Geschichte, doch keine einzige Frau kommt darin vor. Noce Noseda von der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld störte sich daran, und für seine Theaterfassung dachte er sich – neben erfrischenden Dialogen – zwei Frauenfiguren aus.

Das verleiht dem Freilichtspiel neue Töne. Zwischentöne, die weibliche Sichtweisen einbringen und der düsteren Geschichte etwas von ihrer Schwere nehmen. Und die Noseda erlauben, das Ende der Geschichte anders zu erzählen. Das Premierenpublikum war begeistert und quittierte mit starkem Beifall.

Das Böse steckt in jedem

Der Nebel gehört zum London des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wie der Forscherdrang zu einem angesehenen und fortschrittlichen Arzt wie Dr. Henry Jekyll. Er erforscht das Böse im Menschen – auch das Böse in sich. Mischt sich ein Elixier, verwandelt sich in Mr. Hyde, treibt des nachts sein Unwesen, als sei nichts dabei. Verwandelt sich zurück in den ehrbaren Dr. Jekyll, als sei nichts geschehen.

Mit seiner schaurigen Novelle hat der Schotte Stevenson die Folgen erzwungener Verdrängung in der viktorianischen Gesellschaft angeprangert: Gefühlskälte und enge Moral ebnen den Weg zu roher Gewalt. Jekyll rang mit seiner schlechten Seite und glaubte, er müsse das Böse abspalten – in einem andern Selbst, einem andern Körper. Das gelang ihm. Aber zu welchem Preis?

Stoff wird weiblicher, weicher

Die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld hat sich des dutzendfach verfilmten Stoffes angenommen: ernsthaft und ebenso genüsslich. Noce Noseda hat für ihr sechstes Sommertheater eine Theaterfassung geschrieben und sie gemeinsam mit den Darstellern verfeinert. Das Stück lebt von Dialogen, die rar sind in der Vorlage. Es lässt Figuren weg, wie Jekylls Freund Lanyon, und erfindet zwei neue. Zwei Frauenrollen! Mina ist Jekylls Verlobte, Mary seine Zofe. Noseda, der auch Regie führt, gelingt es, der Geschichte einen weicheren, oft launischen Klang zu geben.

Ambiente klug genutzt

Gewiss bleibt Jekylls Ringen mit sich selbst dominant, aber Noseda strafft den Stoff stark, um Raum zu haben für allerlei Einfälle, die helfen, die Schwere erträglich zu machen und die manchmal als Slapstick daherkommen. Hier taucht Ah Singh auf, der Besitzer einer Opiumhöhle; da werden Teppiche aus- und eingerollt – das Bühnenbild lebt. Hier schnippelt Poole am Strauch des Innenhofs, da lehnt er mit Mary eine Leiter an die Mauer, auf der Jekylls Anwalt Utterson steifbeinig in Jekylls Zimmer klettern will.

Viel Bewegung und ein famoser Rhythmus stecken in der Inszenierung. Klug bezieht sie Hof und Räume der einstigen Färberei mit ein, macht den Greuterhof zur Kulisse eines Kammerspiels unter freiem Himmel. Und hautnah dran sind die Zuschauer auf der Tribüne, und manchmal rennen die Darsteller unter ihnen durch.

Mundart und Rocksongs

Giuseppe Spina brilliert in der doppelten Hauptrolle. Hier Dr. Jekyll: getrieben und bestimmt, zerrissen und verloren, rasend und innehaltend. Da Mr. Hyde: fies und grausam, durchtrieben bis zum bitteren Ende – ein ganz anderes Ende als bei Robert Louis Stevenson. Federico Dimitri als Utterson stakst an zwei Stöcken durch die Szenen, rollt die Augen, zieht die Brauen hoch – herrlich, wie er den Zweifler und Jekylls stärksten Kritiker mimt (und den schleimigen Ah Singh). Joe Fenner gibt Diener Poole als umtriebigen, aber verdatterten alten Mann, der ohne die zupackende Mary verloren wäre. Sie stammt aus Yorkshire. Raffiniert: Carin Frei redet eine Mischung aus Deutsch und Bündner Mundart. Lotti Happle als Verlobte Mina wirkt zugleich aristokratisch und einfühlsam.

Die heimliche Nebenrolle spielen eingespielte Songs, die den historischen Stoff brechen, von «Heart of Gold» über «Werewolves of London» bis zu «Walk on the Wild Side». Trefflich!

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde: 18.–27.8., 20.30 Uhr, Greuterhof Islikon. www.jekyllundhyde.ch