Enthusiastisch für aktuelle Kunst

Noch im Juni 2015 hat David Bürkler im Botanischen Garten in St. Gallen seine Arbeit «ICH BIN HIER» feierlich eingeweiht. Die Kunsthistorikerin Corinne Schatz würdigt den Künstler, der am 16. Januar gestorben ist.

Corinne Schatz
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Der St. Galler Künstler David Bürkler im Jahr 2010 in seinem Atelier. (Bild: Urs Jaudas)

Der St. Galler Künstler David Bürkler im Jahr 2010 in seinem Atelier. (Bild: Urs Jaudas)

ST. GALLEN. Im Juni 2015 hat David Bürkler im Botanischen Garten in St. Gallen mit zahlreichen Freunden und Bekannten seine Arbeit «ICH BIN HIER» feierlich eingeweiht. Wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag ist er letzten Samstag gestorben. Sein schon immer fragiler Körper, der einen so starken Willen beherbergte, war müde geworden. David Bürkler hinterlässt eine grosse Lücke in der St. Galler Kunstszene. Kaum eine Vernissage, an der er nicht erschien, kaum eine Diskussion über zeitgenössische Kunst, an der er nicht leidenschaftlich teilnahm. Bis zuletzt hat er voller Enthusiasmus und Vorfreude für seine Jubiläumsausstellung im Juni bei Adrian Bleisch in Arbon gearbeitet.

Lebhaft für aktuellste Kunst

David Bürkler wurde am 27. Juni 1936 in St. Gallen geboren und wuchs als zweites von drei Kindern im Lerchenfeld auf. Sein Jugendtraum, Naturforscher zu werden – er sprach davon, dass er unbekannte Geschöpfe am Meeresgrund oder Schnecken auf Bäumen erforschen wollte –, war aufgrund einer Herzerkrankung nicht erfüllbar. Stattdessen besuchte er die Kunstgewerbeschule und entdeckte die Welt der Kunst. Charakteristisch war von Beginn an und bis ins hohe Alter sein ungestümes Interesse an den jeweils aktuellsten Strömungen. Auch Neue Musik, zeitgenössisches Theater, Literatur oder Film fesselten ihn.

Seiner Kontaktfreudigkeit verdankte sich auch sein Engagement für Institutionen wie die Kellerbühne, wo er ganz im reduzierten Stil der Schweizer Typographie die Plakate gestaltete. Jahrzehntelang war er aktives Mitglied des Künstlerverbands visarte.ost (ehemals GSMBA); vor wenigen Jahren wurde er dafür vom Zentralverband mit einer höchst selten verliehenen Ehrenmitgliedschaft gewürdigt. Lebhaft erzählte er von den heftigen Auseinandersetzungen, welche zwischen Alten und Jungen geführt wurden, sei es über die abstrakte Kunst in den 1950ern oder die neuen Tendenzen Ende der 1970er-Jahre, zum Beispiel von Künstlerfreunden wie Roman Signer, Bernard Tagwerker oder H. R. Fricker. Und selbstverständlich kämpfte der streitbare David immer und kompromisslos für das jeweils Zeitgenössische und scheute sich nie, dem Goliath der Alteingesessenen und Rückwärtsgewandten lauthals die Leviten zu lesen. Das «ICH BIN HIER» umfasste auch immer das «JETZT».

Der Schritt zur Skulptur

Auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache erprobte David Bürkler ab Mitte der 1950er Jahre verschiedene Wege zwischen der geometrischen Abstraktion der Konkreten und der gestisch abstrakten Malerei des Informel. Eine der ersten einflussreichen Begegnungen war jene mit Diogo Graf, dem Pionier der ungegenständlichen Malerei in der Ostschweiz, der den kaum Zwanzigjährigen auf seinem künstlerischen Weg bestärkte. Um 1975 machte er schliesslich den Schritt zu Skulptur und Installation. Immer im Dialog mit der nationalen und internationalen Kunst, sei es die Schweizer Eisenplastik, der Minimalismus oder die Arte Povera, entwickelte Bürkler seine eigene Sprache. Regelmässig wurde er an grosse Ausstellungen im In- und Ausland eingeladen.

Verpackungen als Inspiration

Inspiration fand Bürkler in Alltagsgegenständen und unscheinbaren Fundstücken, die er im Original verwendete oder in andere Materialien und Formate transformierte. Der Zusammenklang verschiedener Materialien, präzise gesetzte Farbe und eine reduzierte Formensprache prägen seine Werke, wie die Skulptur aus rotem Plexiglas, Eisen und Stein vor der Sporthalle in der Kreuzbleiche zeigt. Die weitaus einflussreichste Inspiration jedoch fand David Bürkler in Verpackungen aller Art. Die Themen Gegenstand und Umhüllung oder Hülle und Leere sowie das Auf- und Zufalten bilden einen zentralen Aspekt in Bürklers späterem Schaffen. Mit den präzisen, aufs Wesentliche reduzierten Skulpturen und den Transformationen des Alltäglichen lenken David Bürklers Werke unseren Blick auf Unscheinbares und Poetisches, und sie werden uns über seinen Tod hinaus immer wieder neue, ungeahnte Wahrnehmungsräume eröffnen. In seinen Werken bleibt David Bürkler «HIER».