ZELTTHEATER: Spiderman kann einpacken – Kasperli übernimmt

Seine Geheimwaffe ist eine verbeulte Bratpfanne, sein Tatendurst ungebrochen: In einem wilden Mix aus Musik, Turnerei und Rollenspiel feiert der Kasperli beim «Estival» des Cirque de Loin auf der Kreuzbleiche sein «Kommbäck».

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Fast so gut frisiert wie Prinzessin Lillifee: Noah Egli in «The Kasperli Kommbäck» des Cirque de Loin. (Bild: PD)

Fast so gut frisiert wie Prinzessin Lillifee: Noah Egli in «The Kasperli Kommbäck» des Cirque de Loin. (Bild: PD)

Der eine, der Schweizer National- und Vorzeige-Circus Knie, hat gerade erst die Zelte abgebrochen, da liegt am anderen Ende der Innenstadt schon wieder Popcornduft in der Luft. Sirup in allen Farben lockt an die kleine Bar, darüber steht «Buvette», von Hand geschrieben. Die Scheinwerfer blenden nicht gar so protzig hier, im Gegenteil: Nostalgische Lampen mit Stoffschirmchen tauchen das Zelt auf der grünen Wiese in sanftes Licht. Wobei das Spektakel, das gleich hier über die Bühne gehen wird, eines der eher derben, zupackenden Art sein wird.

Keiner der zur St. Galler Premiere recht spärlich erschienenen Zuschauer wird erwartet haben, beim Cirque de Loin als hochverehrtes Publikum begrüsst zu werden. Auch ist mit einer glamourösen Leistungsschau in allen circensischen Disziplinen nicht zu rechnen, in Akrobatik, Clownerie, Dressur. Aber «bitzli Zirkus» darf es schon sein, wenn der Kasperli sein «Kommbäck» im Zelt verspricht. Es tönt verschwörerisch, ein wenig nach «Parole Emil!». «TKK», «The Kasperli Kommbäck»: So nennt Michael Finger das Stück, mit dem der Cirque de Loin beim ersten «Estival» auf der Kreuzbleiche anarchisches Zelttheater für Kinder ab drei präsentiert. Sagen wir eher: ab fünf. Ein Erstkontakt mit dem klassischen Kasperli sollte stattgefunden haben. Damit das Muster bekannt ist, welches hier lustvoll durchbrochen wird.

Die Prinzessin lechzt nach «Äktschen»

Tatsächlich spielen Newa Grawit, Noah Egli und Dave Striegel recht offensiv mit ihrer Heimlichtuerei. Prinzessin Nideso macht kein Geheimnis daraus, dass sie sich tödlich langweilt und darauf hofft, von einem Räuber entführt zu werden. Auf dass ein«Superhero» sie retten könnte: Batman, Spiderman, notfalls noch Harry Potter. Bloss nicht der Kasperli. So uncool, der Chaib. Kasperli aber bläst nicht lange Trübsal. Kaum springt er, also sie, Newa Grawit, aus dem alten Wohnwagen neben der Bühne und kaum hat Kasperli sich ausgeheult bei seinem Freund Pfanni (der allen gern lautstark eins überbrät), schon ist er ganz der Alte: ein ­tatendurstiger Schnorri. Dabei bleibt stets ein wenig in der Schwebe, mit wem er es gerade zu tun hat. Ob Dave Striegel nun der König Soundso ist oder Prinzessin Nideso. Die zwischendurch auch mal von Noah Egli verkörpert wird, der eigentlich Räuber im Ruhestand ist, im Zweitberuf aber Hofmarschall Pissi (mit Pampers auf der Kopf).

Kompliziert? Nein, keineswegs. Für Kinder nach dem Pampers-Alter dürfte das Ganze einleuchtend sein, so wild und lustig wie die eigenen Ideen beim Herumkaspern. Prinzessin Nideso kann jedenfalls nicht jammern: Es geht drunter und drüber, endlich gibt es «Äktschen» – kein Wunder, dass die Frisur nicht ganz so gut sitzt wie bei Lillifee, der blondgelockten Allmächtigen im Kleinmädchenzimmer. Um «kindgerecht» zu bleiben, fahren sich die drei Akteure rechtzeitig über den Mund, wenn ihnen so etwas wie «Schlappschwanz» oder «Arschzapfe» herausgerutscht ist. Upps!

Eine knappe Stunde wird es dauern, dann ist Kasperlis Welt in Ordnung. Auch hier, wo er mit Livemusik auf der E-Gitarre und zwei Gspänli, die halsbrecherisch an der Stange turnen (und ab und zu kopfunter hängen), ein etwas anderes «Kommbäck» feiert. Er darf Prinzessin Nideso heiraten, König Soundso dankt endlich ab, die anderen Helden können einpacken. Der Wohnwagen für die Flitterwochen wartet schon. Hübsches Detail an dieser altmodischen Kutsche, wie sie zum Wanderzirkus gehört: «Ufo» steht drauf. Ein Fluchtobjekt für alle, die es nicht aushalten auf dieser Welt. Oder in diesem Zelt, das vielleicht die Welt bedeutet.

 

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: bis 17. Juni, Kreuzbleiche St. Gallen, Beginn jeweils 15 Uhr