JUGENDBUCH: Nutellabrot statt trockenes Lesefutter

Nach einem erfolgreichen Start im Herbst 2016 präsentiert der junge Verlag da bux seine zweite Edition. Die Themen sind aktuell, die Texte schnörkellos.

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Leicht lesbar, aber nicht simpel: Die Edition zwei setzt auf schrägen Humor, auf Perspektivenwechsel und schnelle Schnitte. (Bild: PD)

Leicht lesbar, aber nicht simpel: Die Edition zwei setzt auf schrägen Humor, auf Perspektivenwechsel und schnelle Schnitte. (Bild: PD)

Gesunde Ernährung geht anders. Wenn Konrad Stress hat, dann braucht er dringend ein Nutellabrot. Auch wenn er allein zu Hause sitzt und Comics zeichnet – ein Brötchen mit dick Nutella drauf muss es sein. Eines? Nein, besser zwei. Wie viele er auf den rund fünfzig Seiten von Andrea Gersters kleinem Roman «Oda ist weg» insgesamt verputzt, ist schwer zu sagen. Irgendwann hört man auf zu zählen. Auch deshalb, weil die Thurgauer Autorin es schon auf wenigen Seiten schafft, den Blick auf Wichtigeres zu heften. Und doch ist es ein treffendes Detail, das Konrad Konturen gibt. Eine papierene Figur, konstruiert zum Zwecke gut gemeinter Leseförderung, ist er jedenfalls nicht. Wie auch seine Geschichte kein «Lesefutter» sein will für Jugendliche, denen Sprachvermögen und Ausdauer zu dickeren Schmökern fehlt. Fast nichts passiert, und doch hat Andrea Gerster den Leser ziemlich schnell am Haken.

Die Eltern sind verreist, Konrads Schwester Oda ist spurlos verschwunden; in seiner Verzweiflung probiert er es mit etwas Voodoo-Zauber – obwohl er ja nicht ernsthaft daran glaubt. Die Diensthabenden auf der Polizeistation können sich das Lachen nicht verbeissen, als Konrad, mit zwei Freunden im Schlepptau, Meldung macht. Tatsächlich lebt der Text von witziger Überzeichnung; Andrea Gerster hält ihre Leserinnen und Leser keineswegs für dumm. Nur muss sie nicht permanent beweisen, was sie sprachlich auf Lager hat. Das verbindet «Oda ist weg» mit den bisher erschienenen Bänden des 2016 gegründeten Verlags da bux und mit den übrigen Titeln der druckfrischen zweiten Edition.

Sprachlich und thematisch nahe an der Zielgruppe

Wiederum hat die erfahrene Kinder- und Jugendbuchautorin Alice Gabathuler, Mitbegründerin des Verlags mit Sitz in Buchs (auch darauf spielt der Name «da bux» an) lektoriert und streng darauf geachtet, dass die Texte sprachlich und thematisch nah an der Zielgruppe sind. Also nicht unnötig verklausuliert, sondern in knappen, direkten Sätzen und kurzen, überschaubaren Kapiteln, gedruckt in gut lesbarer ­Typo- grafie. Diesmal hat sie auch selbst einen Titel beigesteuert: «Voll Risiko» versammelt drei Kurzgeschichten, man könnte auch sagen: Minithriller. Deren Figuren sind zupackend und waghalsig – zumindest tun sie so. Es wird gemobbt, die Fäuste fliegen, ein Boxkollege der Mädchen ­Nuria und Jessy lässt sich mit Hooligans ein: Das bildungsbürgerliche Milieu, der heile, heimelige Kokon, in dem Vielleser in der Regel aufwachsen, kommt in diesen Geschichten nicht vor. Dafür sind sie rasant geschnitten, filmisch erzählt und spannend – und noch ein Quäntchen einfacher, für die Lektüre an Heilpädagogischen Schulen geeignet.

Weit weg von Ponyhof und Vampirkitsch sind auch die Texte der beiden Männer im Autorenquartett, Tom Zai und Franco Supino. Zais «Der Knast» ist inspiriert von jenem wissenschaftlichen Experiment, das per Los 24 Studierende in Wärter und ­Gefangene einteilte: Es artete in Demütigungen und Gewalt aus. Erzählt wird in Perspektivenwechseln, packend und schonungslos. «Alles ist frei erfunden», schreibt Zai im Nachwort, «ich befürchte allerdings, dass ich nicht übertrieben habe.» Ebenso erschreckend Supinos Dystopie einer Diktatur auf Schweizer Boden. Wer den Mut aufbringt, sucht das Weite. Die Verhältnisse haben sich gedreht; der Terror ist hier, und «Freetown» liegt in Afrika. Ein kühner, unbequemer Text – alles andere als süsses Fastfood.

Bettina Kugler

Buchvernissage 13.9., 16.30 Uhr, Kantonsbibliothek Frauenfeld

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