Schaurig schön

Im Zuge der 68er revolutionierten Gestalter die Schmuckkunst. Das St. Galler Textilmuseum zeigt Schmuck, der mehr als nur schön ist.

Melissa Müller/Sereina Jörg
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Die Restauratorinnen Janina Hauser und Rosalie Swagemakers packen für die Schmuck-Ausstellung ein Kleid aus Kunstpelz und echten Vogelflügeln aus – geschaffen vor der Niederländerin Alet Pilon. (Bild: Benjamin Manser)

Die Restauratorinnen Janina Hauser und Rosalie Swagemakers packen für die Schmuck-Ausstellung ein Kleid aus Kunstpelz und echten Vogelflügeln aus – geschaffen vor der Niederländerin Alet Pilon. (Bild: Benjamin Manser)

Kuratorin Annina Weber öffnet eine hüfthohe Holzkiste. Ein grüngelbes Cocktailkleid kommt zum Vorschein – garniert mit echten Vogelflügeln. Stecken darin tote Vögel? Aus einem weiteren schwarzen Cocktailkleid ragen Krähenschnäbel. Die Holländerin Alet Pilon gestaltet aus Schlachtvieh und verunfallten Tieren in Kombination mit verführerischen Kunstpelzen schaurig-schöne Kleidungsstücke. Sie spielt auf die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Tier an.

Zu sehen sind die gruseligen Kleider in der Ausstellung «Body Jewels», die am Dienstag im St. Galler Textilmuseum startet. Im Rampenlicht steht Schmuck der Avantgarde. Stücke, die irritieren und zum Schmunzeln anregen – und bei denen es nicht primär um Schönheit geht. Was ist Kunst, was Design? Die Grenzen sind bei den gezeigten Schmuckstücken fliessend.

Schmuck für alle statt Prestige

Die niederländische Restauratorin Rosalie Swagemakers ist eigens nach St. Gallen gereist – denn die Ausstellung «Body Jewels» stammt vom Textilmuseum in Tilburg. 90 Prozent der Exponate kommen aus Holland. Anhand von ihnen wird die niederländische Designentwicklung aufgezeigt. Holländische Designer wie Hella Jongerius, Marcel Wanders und die Modeschöpfer Viktor & Rolf sind bis heute stilprägend.

Im Zuge der 68er wandten sich junge Gestalterinnen und Gestalter vom traditionellen Schmuckdesign ab. Statt klassischer Colliers und Ringe aus Gold und Diamanten entwarfen sie experimentellen Schmuck aus erschwinglichen Materialien wie Plastik, Kautschuk und Stoff. Die Vorreiterinnen dieser revolutionären Entwicklung nannten ihre Stücke «Objects to wear». Sorgfältig packt Restauratorin Rosalie Swagemakers die verspielten Broschen von Felieke van der Leest aus. Zum Beispiel eine «schwangere Pandabärin mit Meerjungfrauenflosse» (Bild unten rechts). Und ein Collier aus überdimensionalen, gehäkelten Korallen. «Das ist ironisch gemeint», erklärt sie. «Die Künstlerin macht sich lustig über Schmuck als Statusobjekt.»

Appenzellerin veredelt Abfall

Kuratorin Annina Weber ergänzt die holländische Schau mit Schweizer Werken. Darunter preisgekrönte Arbeiten der Appenzellerin Verena Sieber-Fuchs. Von ihr stammt ein rosa schimmerndes Collier. Es scheint aus zarten Vogelfedern geschaffen. Erst beim näheren Betrachten merkt man, dass die Schnipsel keine Federn sind, sondern Metzgerpapier. Verena Sieber-Fuchs sammelt Brockenhaus-Fundstücke und Abfall und entdeckt darin eine verborgene Schönheit. Die 73-Jährige fertigt in ihrem Zürcher Atelier in Feinstarbeit aus Dragée-Verpackungen oder zerknülltem Schokoladenpapier Halsketten – die sogar im Museum of Modern Art in New York ausgestellt sind. Die Innerrhoderin sagte gegenüber unserer Zeitung einmal, dass sie ihren eigenen Schmuck nie trage. Und es auch nicht gerne sehe, wenn andere ihn tragen.

Manches Aufsehen erregende Stück stammt von Studentinnen der Genfer Design-Hochschule Head. Absolventin Julie Simon hat mit 26 Jahren für ihre Abschlussarbeit ein filigranes, magisch anmutendes Kleid gehäkelt. Es sieht aus wie ein Reh, das durch seine Trägerin hindurch springt (Bild unten links). Das fragile Kleid wurde durch Zuckerwasser versteift. «Die Freude am Experiment ist bei einem solchen Schmuckstück wichtiger als die Tragbarkeit», sagt Kuratorin Annina Weber.

Grande Dame

Mit Johanna Dahm ist auch die «Grande Dame der Schweizer Schmuckkunst» vertreten. Als einzige Künstlerin kommt sie persönlich ins Textilmuseum, um ihre Sachen auszustellen. Die Baslerin setzt sich seit den Siebzigern intensiv mit geometrischen Formen auseinander, aus denen sie sperrige Krägen konstruiert. Bei Broschen störte sie, dass die Nadel stets unsichtbar ist. Darum erfand sie eine Brosche, bei der die Nadel selbst zum Schmuckstück wird. In frühen Jahren stiess Johanna Dahm in der Schweiz auf wenig Interesse. In den Niederlanden fand die Künstlerin hingegen schon in jungen Jahren Anerkennung. Am 7. Juli ist Johanna Dahm beim Museumsgespräch in St. Gallen zu Gast.

Haut und Knochen

Etliche der subversiven Exponate stammen aus den Achtzigerjahren und wurden von Frauen entworfen. Ihnen sei es nicht darum gegangen, ein Kleid zu dekorieren, sondern einen Denkprozess auszulösen, sagt Annina Weber.

Schmuckdesign ist oftmals eine weibliche Angelegenheit. Eine Ausnahme bildet Christoph Zellweger, einer der führenden Schweizer Gestalter. Er stammt aus der Textildynastie Zellweger in Trogen, ist aber in Deutschland aufgewachsen und lebt in Zürich. Seine abgründigen Entwürfe kreisen um den menschlichen Körper. Dabei lässt sich der gelernte Goldschmied von Zellstrukturen, Knochen und medizinischen Prothesen inspirieren. Am 8. Oktober gibt er im Textilmuseum einen Workshop.

Vernissage im Textilmuseum St. Gallen: 5. Juli, 18.30 Uhr. Die Ausstellung «Body Jewels» dauert bis 10. Oktober.