Jagd auf ein ungelesenes Buch

Die Istanbuler Polizei hat das Manuskript eines mutmasslich polizeikritischen Buchs beschlagnahmt. Autor Ahmet Sik ist bereits Anfang Monat wegen Terrorverdachts festgenommen worden.

Jan Keetman/Istanbul
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Autor Ahmet Sik sitzt bereits in Haft. (Bild: ky)

Autor Ahmet Sik sitzt bereits in Haft. (Bild: ky)

Es handelt sich um das neuste Werk des als Enthüllungsjournalist bekannten Autors und Professors für Journalistik an der Istanbuler Bilgi-Universität, Ahmet Sik. Sik war bereits am 3. März unter Terrorismusverdacht festgenommen worden.

Sik und mehreren anderen Journalisten wird von dem Staatsanwalt mit besonderen Vollmachten Zekeriya Öz vorgeworfen, für die terroristische Organisation Ergenekon zu arbeiten, die die gemässigt islamische Regierung Tayyip Erdogans stürzen wolle.

Verleger ist überrascht

Von dem geplanten Buch Siks ist nur der Titel «Die Armee des Imam» (Imamin Ordusu) bekannt, und es wird vermutet, dass es den Einfluss religiöser Vereinigungen auf Polizei und Staatsanwaltschaft behandelt. Zum selben Thema hat vor kurzem auch der ehemalige Polizeidirektor Hanefi Avci ein Buch veröffentlicht. Kurz nach Veröffentlichung des Buches im vergangenen September wurde Avci verhaftet. Zunächst wurde Avci vorgeworfen, mit einer linken Terrorgruppe zusammenzuarbeiten, nun soll er aber ebenfalls im Auftrag von Ergenekon geschrieben haben. Ahmet Öz, der als Herausgeber für den durchsuchten Ithaki-Verlag tätig war, sagte gestern, er habe nicht einmal Zeit gehabt, die ersten zwanzig Seiten des Manuskriptes zu lesen. Vermutlich sei die Polizei durch ein Telefongespräch, das er mit der Ehefrau von Sik geführt habe, auf die Spur des Manuskriptes gekommen.

Zahl der Kritiker wächst

Gemäss Aussagen von Ahmet Öz hat die Polizei eine Kopie des Buches beschlagnahmt und elektronische Kopien gelöscht. Ahmet Siks Ehefrau Yonca Sik teilte mit, dass auch die Manuskripte des Buches beschlagnahmt werden sollen, die sich im Besitz der Anwälte ihres Mannes befinden. Das würde bedeuten, dass Sik wegen eines Buches angeklagt werden würde, das nicht einmal seine Anwälte kennen.

In der Türkei sind viele der Ansicht, dass das Verfahren gegen Ergenekon hauptsächlich dazu dient, Kritiker der Regierung Erdogan mundtot zu machen. Mittlerweile werden rund 330 Personen verdächtigt, dieser angeblichen Untergrundorganisation angehört zu haben. Die Zahl der Verdächtigen steigt ständig. Innerhalb von vier Jahren wurde aber noch kein einziges Verfahren gegen Ergenekon-Verdächtige abgeschlossen.

Auf öffentliche Kritik an der Inhaftierung von Ahmet Sik und des ebenfalls bekannten Enthüllungsjournalisten Nedim Sener reagierte der Staatsanwalt Zekeriya Öz mit dem Hinweis, dass es Beweise für ihre Schuld gebe, die er aber aus ermittlungstechnischen Gründen nicht nennen könne. Gegen die Verhaftung von Ahmet Sik und Nedim Sener haben in Istanbul und Ankara Tausende türkische Journalisten protestiert. Kritik kam auch vom EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle und dem Sprecher des amerikanischen Aussenministeriums, Philip J. Crowley.

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