Der vergessene Shakespeare

Die Edition Signathur legt zwei Bücher vor: Eine fast vergessene Übersetzung einiger Sonette Shakespeares und eine Nachdichtung seines fast vergessenen Versepos «Venus und Adonis».

Dieter Langhart
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William Shakespeare: Venus und Adonis, Nachdichtung von Jan Weinert. Dozwil 2016, 148 S., Fr. 18.–

William Shakespeare: Venus und Adonis, Nachdichtung von Jan Weinert. Dozwil 2016, 148 S., Fr. 18.–

Übermorgen vor 400 Jahren ist William Shakespeare gestorben, und ihm zu Ehren sind zwei Bücher erschienen. In Stratford-upon-Avon? In Dozwil. Herausgegeben von Edward Dowden? Von Bruno Oetterli Hohlenbaum. Seit zehn Jahren führt der gebürtige Schaffhauser einen «Nischenverlag mit bekannten und unbekannten Autoren». So hat er das erste Büchlein eines Rätoromanen in allen vier Landessprachen herausgegeben, Vic Hendrys «Anemona alva».

Zu den bekannten Autoren in seiner Edition Signathur gehört auch Shakespeare. Bruno Oetterli hat sich einen Namen gemacht mit seinen zweisprachigen Ausgaben von dessen Sonetten und mit literaturwissenschaftlichen Schriften zu Shakespeare.

Versteckt in einem Roman

Pünktlich zu des Dichters 400. Todestag ist eine beinahe vergessene Übersetzung von 42 Sonetten erschienen – vergessen, weil niemand mehr von der Schriftstellerin Erna Grautoff (1888 bis 1949) spricht, und vergessen, weil sie die Sonette in «Herrscher über Traum und Leben» versteckt hatte. In ihrem Roman, 1940 bei Rowohlt erschienen, vertrat Erna Grautoff die Annahme, die Werke Shakespeares seien nicht von dem Mann aus Stratford verfasst worden, sondern von Francis Bacon. Mit der These war sie nicht allein, immer wieder ist die Autorschaft Shakespeares angezweifelt worden.

Jürgen Gutsch, Herausgeber des Bandes mit den 42 von Grautoff übertragenen Sonetten, lächelt darüber – und hebt hervor, dass sie «eine ungemein fachmännische Lyrikübersetzerin mit Erfahrung und einem professionellen Gewissen fremden Texten gegenüber» ist. Sie hatte dies Jahrzehnte davor mit einer Anthologie moderner französischer Lyrik bewiesen.

Eine eigene Dichtersprache

Gutsch weist in seiner ausführlichen und erhellenden Einleitung zur zweisprachigen Ausgabe nach, dass Grautoffs Übersetzungen formal zu jener Übersetzertradition gehören, deren Grundüberzeugung lautet: «Die Sonette Shakespeares kann man nur übersetzen, wenn man sie in einer grundsätzlich unalltäglichen Sprache, das heisst, in einer forcierten Dichtersprache wiedergibt.» Gutsch attestiert Erna Grautoff einen eigenen Ton, eine «eigene Dichtersprache». Er verdeutlicht dies an Sonett 92 und stellt ihr Stefan Georges Sonderdeutsch (1909) und Christa Schuenkes Gebrauchsdeutsch (1999) gegenüber.

Shakespeares wohl berühmtestes Sonett ist 18, das mit dem Vers «Shall I compare thee to a summer's day?» beginnt. Jürgen Gutsch hat sich schon 2003 dieses Sonetts angenommen und in der Edition Signathur «…lesen, wie krass schön du bist konkret» herausgegeben. Es enthält 155 deutsche Übersetzungen.

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«1592 wütete die Pest in London. Die Theater wurden geschlossen, Shakespeare hatte frei.» So hebt das Geleitwort Jan Weinerts an. Der Lyriker hat sich eines wenig gelesenen Werks William Shakespeares angenommen, «Venus und Adonis», und es einfühlsam nachgedichtet.

Ironisch-erotische Tragödie

Shakespeare hatte die Feder gespitzt, aus Ovids «Metamorphosen» jene kleine Passage genommen, die den Mythos von Venus und Adonis erzählt, und daraus eine ironisch-erotische Tragödie als Versepos in meisterhaft klingenden Sestinen geschaffen. Er widmete es dem jungen Earl von Southampton.

Jan Weinert überträgt Shakespeares tollkühne Metaphern in ein kraftvolles, kreatives Deutsch und lässt die weibliche Liebe lebendig werden. Denn anders als Ovid lässt der Psychologe Shakespeare Adonis Venus verschmähen und seine Göttin auf tragikomische Weise menschlich sein und alle Stufen der unglücklichen Liebe durchleiden, bis sie, verzweifelt, die Liebe selber verflucht: «So, müde dieser Welt, eilt sie dahin, / Sie schirrt die schnellen Silbertauben an.»

William Shakespeare: Forty-two sonnets/Zweiundvierzig Sonette, übertragen von Erna Grautoff. Dozwil 2016, 60 S., Fr. 16.50

William Shakespeare: Forty-two sonnets/Zweiundvierzig Sonette, übertragen von Erna Grautoff. Dozwil 2016, 60 S., Fr. 16.50

Stich, Abbildung, gravure, engraving : 1882 (Bild: (65139138))

Stich, Abbildung, gravure, engraving : 1882 (Bild: (65139138))