Alle beginnen mit «Luegid vo Berg und Tal»

Immer mehr Kinder und Jugendliche entdecken ein besonderes Instrument für sich: Das Hackbrett mit seinen 125 Saiten

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Albert Graf in Appenzell (rechts) gibt Dominik Brülisauer den richtigen Takt vor. (Bilder: Ralph Ribi)

Albert Graf in Appenzell (rechts) gibt Dominik Brülisauer den richtigen Takt vor. (Bilder: Ralph Ribi)

Das Hackbrett boomt: Das trapezförmige Instrument, dessen Saiten mit kleinen Holzschlägeln (Ruten) angeschlagen werden, übt einen unwiderstehlichen Sog aus. Die Musikschulen werden überrannt. Der Mangel an Lehrkräften für Hackbrett ist eklatant.

Der Marsch heisst «Öl am Huet»; komponiert hat ihn der frühere Ausserrhoder SVP-Nationalrat Jakob Freund: «Gut rhythmisch anfangen», rät Hackbrettlehrer Albert Graf, der Leiter der Musikschule Appenzell - und schon perlen die ersten Töne: Dominik Brülisauer aus Haslen lernt seit einem Jahr Hackbrett.

«Pausen einhalten», bremst Albert Graf das rassige Spiel des Neunjährigen; er pfeift und singt vor. «Beim Marsch wird es rhythmisch schwieriger», erklärt er, greift zu den Ruten und spielt. «Das ist eine chromatische Tonleiter. Auf dem Klavier sind das die weissen und schwarzen Tasten.»

Erst Technik, dann Theorie

Nun zeigt Dominik sein Theorieheft mit den Aufgaben, die er seit letzter Woche gelöst hat.

«Ich starte immer technisch mit meinen Schülern - erst dann folgt die Harmonielehre, weil den Kindern sonst bald einmal die Motivation fehlt», sagt Albert Graf.

Jetzt werden noch Weihnachtslieder ausgewählt, Graf pfeift die Melodien vor, Dominik wählt und verwirft. Traditionelle Weihnachtslieder mag er am liebsten. Dominik übt täglich zweimal zehn Minuten. «Das ist Pflicht», sagt sein Lehrer.

Noch stimmt die Mutter das Hackbrett. Christine Brülisauer ist Mitglied des Schulrats Haslen und Delegierte in der Musikschule Appenzell. Ein Hackbrett ist ein diffiziles Instrument: «Die Luftfeuchtigkeit muss stimmen; sie darf nicht unter 30 Prozent sinken und die Sonne darf nicht direkt aufs Hackbrett scheinen», sagt Graf.

Basis ist die Volksmusik

Das wunderbar transparent klingende Instrument zieht Kinder und Jugendliche magisch an. 45 Schüler unterrichtet Albert Graf gegenwärtig.

Die Basis wird immer mit Volksmusik gelegt. Später, mit zunehmender Virtuosität, ist alles möglich - von mexikanischen Klängen bis Rock'n Roll. Die Streichmusik Alder sei sicher ein Vorreiter des Hackbrett-Booms gewesen. Die Popularität des Romanshorner Hackbrettspielers Nicolas Senn habe den Effekt weiter verstärkt, sagt Graf.

Hackbrettspieler sind sich einig: Hauptgrund für die Anziehungskraft des Instruments ist die Möglichkeit, weit über die Volksmusik hinaus alle erdenklichen Stilrichtungen zu spielen.

Sogwirkung des Exotischen

Der Profimusiker Albert Graf ist Mitglied des Quartetts Laseyer. Ihren Namen entlieh die Formation dem berüchtigten Sturm im Alpsteingebiet, der schon Züge zum Entgleisen brachte.

Tatsächlich bringt das Quartett frischen Wind in die Szene: Es spielt nicht nur Appenzellermusik, sondern Volksmusik aus aller Welt. Allerdings warnt Albert Graf: «Nicht alles passt, beispielsweise Britney Spears Popsongs tönen nicht so gut auf dem Hackbrett.»

Dafür funktioniert so viel anderes: beispielsweise bei der Hackbrettformation Anderscht. Sie spielen neben Zäuerli arabisch inspirierte Fusions, irische Jigs, Jazz, Klassik und vieles mehr.

Die Instrumente des Hackbrettlehrers Fredi Zuberbühler von Anderscht stammen aus seinen eigenen Plänen. Für Kinder sei das Hackbrett ein Faszinosum, sagt Fredi Zuberbühler. Toll fänden sie es, dass sie dem Instrument sofort einen Ton entlocken könnten. «Schnell sind Substanz und Klang vorhanden; das Exotische übt eine Sogwirkung aus. Die Kinder steuern sofort auf das Instrument zu», sagt Zuberbühler.

«Ein Hackbrett mit seinen 125 Saiten braucht viel Pflege. Deshalb muss man den Eltern erklären, welchen Aufwand das regelmässige Stimmen mit sich bringt. Eine Stunde kann das zu Beginn und ohne Übung schon dauern. Es gibt nichts Fürchterlicheres als ein verstimmtes Hackbrett.»

Gestimmt wird mit Stimmgeräten. Nach dem Gehör allein muss niemand mehr ein Hackbrett stimmen. Schüler der Oberstufe schaffen das auch bald selber. «Genau Stimmen ist fast so anspruchsvoll wie das Spielen», warnt Fredi Zuberbühler.

«Crazy-Hackbrett»

Das Hackbrett ist ein «global player» geworden: Vom Piazzolla-Tango bis Rock 'n' Roll. Auch das Repertoire des Teufner Crazy-Hackbrett-Virtuosen Roman Brülisauer umfasst ein Spektrum von Klassik bis Rock. Er entschloss sich, die Vielfalt des Hackbretts zu nutzen, als seine Kollegen in der Rekrutenschule sagten: «Deine Musik hören wir, wenn wir 60 oder 70 sind.» Brülisauer bildete sich in Deutschland weiter und fand seinen neuen Sound. An der Olma erlebt er nun jeweils, wie seine Kollegen schon vor 60 von seiner Musik begeistert sind.

Die Chinesen sind begeistert

Wenn er traditionell spielt, trägt er die Tracht, aber nicht, wenn er Pop und Rock spielt. «Alle beginnen mit «Luegid vo Berg und Tal», alle beginnen traditionell. Es braucht ein gutes Fundament.»

Brülisauer hat viele gute Schüler ausgebildet, über 30, darunter auch Nicolas Senn. Als er seine erste CD mit Weihnachtsliedern aufnahm, erntete er erst Kopfschütteln - und dann Erfolg. «Ich bin ein Multikulti geworden», stellt er fest. Die absolut enthusiastischten Zuhörer hatte Brülisauer in China.

«Das war gigantisch, sie sind so enorm begeisterungsfähig.» Margrith Widmer