AUSSTELLUNG: Meister im hintersten Winkel

«Endlich! Glanzlichter der Sammlung» heisst die Schau im Kunstmuseum St. Gallen. Endlich hat es mehr Platz, wichtige Werke können aus den Archiven geholt und gezeigt werden. Doch das reicht bei weitem nicht.

Dorothee Haarer
Drucken

Dorothee Haarer

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Über 15000 Werke umfasst die Sammlung des Kunstmuseums St. Gallen. Und bislang fehlt Platz, um sie auch nur ansatzweise zu zeigen. Nach Auszug des Naturmuseums aus dem gemeinsam genutzten Bau wurde immerhin etwas Fläche frei, die nun mit einer Dauerausstellung bespielt wird. Für «Endlich! Glanzlichter der Sammlung» holt Kurator Matthias Wohlgemuth 156 Werke aus 500 Jahren Malereigeschichte aus den Archiven und realisiert eine spannende Schau.

«Glanzlichter» zeigt europäische Malerei vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert. Man erfreut sich an Meisterwerken wie Monets berühmtem «Palazzo Contarini» und an holländischen Landschaften des sogenannten «Goldenen Zeitalters» – aus dem 17. Jahrhundert. Aber es gibt auch anregende kleinere Lichtblicke zu bewundern, wie etwa das um 1630 entstandene Genrebild «Steinoperation» von Pieter Quast. Fast wie in einer Karikatur ist darin ein sitzender Mann zu sehen, dessen klaffende Kopfwunde inmitten einer Wohnstube operiert wird. Das wirkt undenkbar und gibt doch Einblick in die Lebensumstände von damals.

Überraschung im Osten

«Glanzlichter» versetzt doppelt in Staunen. Einmal geschieht das beim Verlassen des vertrauten Ausstellungsbereichs. Man erkennt, dass auch das einstige Treppenhaus im Ostteil mit Exponaten bestückt wurde. In werkhallenartigem Ambiente befinden sich hier Highlights der Zeit um 1900. Eines davon ist Augusto Giacomettis wunderbare «Fantasia coloristica» aus dem Jahr 1913. Die Arbeit, die in reichhaltigem Kolorit schillert und deren dicke Ölfarbtupfer direkt aus der Tube auf die Leinwand gedrückt wurden, gilt als Meisterwerk der frühen abstrakten Kunst. Nun hängt sie hier. Im hintersten Winkel des Gebäudes. Und man fragt sich: «Was soll das?»

Im nächsten Moment versteht man die Ironie des Kurators dahinter. Bewusst legt er durch solche Hängung den Finger in die Wunde. Denn trotz des gewonnenen Platzes reicht die Ausstellungsfläche bei weitem nicht. Auch mangelt es teilweise an ausstellungsgerechter Innenarchitektur. Wohlgemuth ignoriert dies alles. Dafür tut er so, als sei dieser weisse, völlig provisorische Bereich «White Cube Architecture», und er mutet wahren Glanzlichtern zu, in diesem Eck zu leuchten.

Auch Saal 6 überrascht. Eben noch stand man zwischen Arbeiten weltbekannter Maler. Hier nun sieht man Bilder von Ostschweizer Künstlern vor sich mit Sennen beim Jassen, Kühen im Stall. Solch regionale Bauernkunst wirkt fremd und rustikal, bis man sich erinnert, dass es hier um «Glanzlichter der Sammlung» geht und dass eben auch Bauernkunst Teil davon ist. Dann versöhnt man sich mit solchen Werken. Denn über Geschmack lässt sich zwar streiten, über Qualität hingegen nicht.

Der Umbau muss sein

Man verlässt diese Ausstellung mit zwei Gewissheiten. Die eine ist: Man kann hier viel entdecken. Grosse Glanzlichter und zurückhaltende, doch ebenso sehenswerte Bijoux. Matthias Wohlgemuth gelingt es, beides harmonisch zu vereinen, womit ein Rundgang durch die Säle zum Vergnügen wird. Die zweite Gewissheit lautet: Das Kunstmuseum macht das Beste aus dem «Handicap», wie Museumsdirektor Roland Wäspe die Raumsituation nennt. Dies gilt für «Glanzlichter» im Parterre ebenso wie für die Mark-Dion-Ausstellung im fensterarmen Untergeschoss. Aber es ist bedauerlich, dass die bereits vor 18 Jahren angestossene Museumserweiterung so schwer ins Rollen kommt. Bis der Umbau 2020 beginnt, bleibt zu hoffen, dass es den Verantwortlichen weiter gelingt, die Not zur Tugend zu machen. «Glanzlichter» jedenfalls ist erneut Beweis, dass dieses Museum einen Umbau verdient und jeden investierten Franken wert ist.

Aktuelle Nachrichten