MUSICAL: Gefangen in unstillbarer Gier

In einer rasanten und atmosphärisch dichten Neuinszenierung wirft am Theater St.Gallen «Tanz der Vampire» von Michael Kunze und Jim Steinman auch einen Blick auf unsere Zeit.

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Erotik I: Zwischen Sarah (Mercedesz Csampai) und dem Grafen von Krolock (Thomas Borchert) wird es ernst. (Bilder: Andreas J. Etter/Theater St. Gallen)

Erotik I: Zwischen Sarah (Mercedesz Csampai) und dem Grafen von Krolock (Thomas Borchert) wird es ernst. (Bilder: Andreas J. Etter/Theater St. Gallen)

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@tagblatt.ch

Voltaire meinte, die «wahren Vampire sind die Mönche, die sich auf Kosten der Könige und der Völker mästen». Karl Marx sah im Kapitalisten den Blutsauger, und er war keineswegs der Letzte, der so dachte. Der Wirt Chagal denkt auch so – nur positiv: «Was ist dabei?», singt er: «Jeder saugt/jeden aus./ Das ist das Gesetz/dieser Welt./ Jeder nimmt sich von jedem das, was ihm nützt/und gefällt./ Wenn es kein Blut ist,/ist es Liebe/oder Geld.» Chagal kündet von jener unstillbaren Gier, die den Grafen von Krolock treibt. Doch der Graf weiss, dass er nicht allein ist. Den Sterblichen von morgen prophezeit er: «Sobald euer neues/Jahrtausend beginnt,/ist der einzige Gott, dem jeder dient,/die unstillbare Gier.»

Auseinandersetzung – und lustvolle Parodie

Das ist die eine, gewissermassen die politische Ebene des Musicals «Tanz der Vampire», das am Samstagabend am Theater St. Gallen eine – man muss es so sagen – heftigst umjubelte Premiere erlebt hat. Es ist die Auseinandersetzung des Textdichters Michael Kunze mit einer Zeit, zu der der Vampir als Galionsfigur ganz wunderbar passt. Er erklärt denn auch im Programmheft zur Kritik am Musical, für ihn sei dies «die einzige wirklich lebendige Form des heutigen Musiktheaters. Ob die Feuilletons in Deutschland gut finden, was ich mache oder nicht, ist mir nicht so wahnsinnig wichtig.»

Doch ist dieses Musical mehr, viel mehr. Es ist auch lustvolle Satire, denn es basiert auf Roman Polanskis gleichnamigem Film, der 1967 eine Parodie auf das Genre der Vampirfilme gedreht hat. Polanski schickt den verschrobenen Professor Abronsius und seinen Neffen Alfred nach Transsilvanien, wo sie in Chagals Wirtshaus zuerst kräftig an der Nase herumgeführt werden, bis die Suche nach Chagals schöner Tochter Sarah sie ins Schloss des Grafen von Krolock führt. Dort soll sie am Mitternachtsball in die Gemeinschaft der Vampire aufgenommen werden. Alfred, unsterblich in sie verliebt, will es verhindern.

«Sich verlier’n heisst sich befrei’n»

Das ist die zweite, in Ulrich Wiggers faszinierend vielschichtiger Inszenierung aufscheinende Ebene. Wie Thomas Borchert als Graf von Krolock die Sarah von Mercedesz Csampai umwirbt, das ist grosse Kunst – von beiden Seiten. Jede Geste stimmt, wenn sich die beiden, von Franz Blumauer ganz in Rot gekleidet und von Michael Grundner geheimnisvoll ausgeleuchtet, auf hohem Podest nahekommen. «Sich verlier’n heisst sich befrei’n», lockt Krolock, und Sarah spürt in sich «eine Sehnsucht, die mich sucht». Sie will heraus aus ihrer engen Welt, mit einem Vater, der ihre Tür verbarrikadiert. Sie träumt von Freiheit, und vielleicht auch von anderen, von erotischen Abenteuern.

In den Vampiren schlummert die Wildheit

Die Vampire: Sie markieren eine Sphäre, nach der Sarah sich sehnt. Es ist die Wildheit, die in ihnen schlummert, und die sich in wilden, geradezu akrobatischen Tänzen ausdrückt. Früher, sagt Magda, Chagals Magd, da habe sie ihn ausgesprochen fies gefunden. «Doch seit du an mir saugst,/find’ ich dich beinah süss.» Dass Jim Steinman neben balladesken Nummern auch viele ausgesprochen rockige komponiert hat, legt unter Rob Pauls Leitung für die laute Vampirparty den akustischen Boden. Sogar die Alten, die in historischen Kostümen zum Mitternachtsball aufmarschieren, tanzen sich geradezu zum Exzess.

Nur mit Mühe können Alfred, Professor Abronsius und Sarah fliehen. Doch entkommen sie wirklich? Natürlich nicht. Sie tragen vielmehr die Herrschaft der Vampire in die Welt hinaus. Man sieht es ja.

Ohne Jonathan Huors packende Choreografie lässt sich die Geschichte dieser zwei Welten nicht erzählen – und auch nicht ohne ein Tanzensemble, das staunenswert wild und hochpräzis zugleich agiert. Denn die grösste Kunst des Musicals liegt darin, Spiel, Gesang und Tanz nahtlos und oft temporeich ineinanderzufügen – um Geschichten zu erzählen, die berühren.

Spektakulär muss es auch sein. Und, Polanski hat immerhin eine Parodie verfilmt, auch lustig. Vor allem der erste Akt birgt viel Situationskomik. Etwa wenn Sebastian Brandmeir als Professor Abronsius in einem wahren Affenzahn von seiner Wissenschaft schwärmt, während im Sanatorium gerade die Fitnessstunde auf Touren kommt.

Hans Kudlichs verblüffend vielseitige Bühne

Überhaupt die Paare, sie entwickeln aus sich heraus viel Komik. Wenn etwa der überzeugend arglose Tobias Bieri als Alfred auf Christian Funk als aufdringlich schwulen Vampirssohn Herbert trifft. Oder wenn Jerzy Jeske als leicht schmieriger Chagal mit Sanne Mieloo als seiner ziemlich schrägen Magd Magda das Jenseits in vollen Zügen geniesst – was dem buckligen Diener Kuokol (Thomas Huber) entschieden missfällt.

Für all die Schauplätze, Szenen und Nebenszenen hat Hans Kudlich eine verblüffend vielseitige Bühne geschaffen. Mit einer Treppe, die in die Tiefe führt, mit zwei Plattformen an der Seite, und einer Box, die sich hochfahren lässt. Dann sieht man dort das Gästezimmer des Sanatoriums, Sarahs Schlafzimmer – und jenes Badezimmer, in dessen grossem Zuber sie fürs Leben gern badet.

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