DOCUMENTA: Die alte Dame und ihre Schwester

Athen kommt vor Kassel. Athen verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. Der Thurgauer ­Galerist Jordanis Theodoridis ist mit einer Gruppe hingereist – und sagt, was anders ist in Athen.

Dieter Langhart
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Eröffnung der Documenta Athen: Eine Besucherin neben Cecilia Vicuñas Werk «Quipu Womb». (Bild: Jorgos Karahilis/KEY (8.4.2017))

Eröffnung der Documenta Athen: Eine Besucherin neben Cecilia Vicuñas Werk «Quipu Womb». (Bild: Jorgos Karahilis/KEY (8.4.2017))

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Die Kunst kennt Biennalen wie Venedig, die Manifesta oder die Werkschau Thurgau. Die Kunst kennt Triennalen wie Linz, Milano oder die Grosse Regionale in Rapperswil-Jona. Die Kunst kennt die Quadriennalen in Rom und Düsseldorf (mehr sind da nicht). Dann sind die Kuratoren am Ende ihres Lateins. Dann ist da nur noch die Documenta, das «Museum der 100 Tage», das alle fünf Jahre ausgerichtet wird. Seit 1955. In Kassel.

2012 öffnete sich die Documenta, die dreizehnte, und richtete Aussenstellen in Afghanistan, Ägypten und Kanada ein. Heuer ist Athen an der Reihe, nur Athen. Gleichberechtigt. Vor Kassel. Und Jordanis Theodoridis war da mit einer Gruppe aus zwanzig Kunstinteressierten und zeigte ihnen alles. Nein, nicht alles, denn alles kann man weder in Athen noch später in Kassel sehen. Soll man auch nicht. Aber was auswählen? Und was ist mit der Akropolis, der Agora, der Hadriansbibliothek, wenn man schon in Griechenlands Hauptstadt weilt?

Zwei Sprachen, zwei Pässe, zwei Identitäten

Gut, hat man Jordanis Theodoridis als Führer dabei: einen Griechen, der perfekt Schweizerdeutsch spricht, einen Athener gar, der jedes Jahr vier-, fünfmal Verwandte und Freunde, Künstler und Galeristen besucht. Seine Eltern haben sich hier niedergelassen, hier wurde er geboren und hat zwei Pässe. Gemeinsam mit Werner Widmer betreibt er eine Galerie in Eschlikon. «Wenn ich das Telefon abnehme und ‹Widmer­theodoridis’ sage, tönt es oft ‹Grüezi Herr Widmer› zurück.» Er lacht, seine weissen Zähne blitzen, er ist sich solches gewohnt. Und fügt mit leisem Bedauern hinzu: «Im Grunde bleibe ich der Fremde, der Heimatlose.»

Am Donnerstag hatte er sich akkreditiert, Freitagabend kam die Reisegruppe an, am Samstag öffnete die Documenta. «Ich musste mir rasch einen Überblick verschaffen, das war eine Herausforderung», sagt Theodoridis. «Ich wusste ja selber kaum, was uns erwartet.» Die Reise war so konzipiert: Fokus auf zeitgenössische Kunst, «alles Alte flog raus». Die Akropolis etwa – nicht aber das Akropolis-Museum mit den Ausgrabungen unter dem Glasboden, den sichtbaren Schichten der Geschichte im Neubau, den Bernard Tschumi entworfen hat als «Spiegelbild der Vergangenheit», wie Theodoridis sagt. «Wir sind eine vertikale Gesellschaft.»

Bei einem Besuch der Documenta in Athen gehe es ums Schauen und Reflektieren: «Was hat das mit mir zu tun?» Man müsse sich selbst darin sehen. Und was Theodoridis mit seiner Reisegruppe im April gesehen hat, war nicht nur eindrücklich, sondern oft dem Zufall geschuldet. Und seinen Griechischkenntnissen – die Sprache habe manches Gespräch erlaubt, wenn Galeristen oder Künstler weder Englisch noch Deutsch konnten.

«Learning from Athens» lautet das Motto der Documenta Athen, von Athen lernen. Die Documenta stelle Fragen wie «Was lernen wir vom Staat?» oder «Was lernen wir von der Gesellschaft?» Sie hat vierzig Kunstorte definiert, jede mit einem eigenen Kurator. Und jeder Ort nimmt sich eines anderen Themas an: Antike, Byzanz, Islam, Bürgerkrieg, Diktatur. Fast alle Künstler verknüpfen das Damals mit dem Heute. Learning from Athens... «Du musst einen Sinn für dich herausfinden», sagt Theodoridis. «Und auswählen: An der Documenta Athen stehst du genau wie in New York vor einer Wand: Wo sollst du beginnen?»

Von Otto von Bayern bis zu Jeff Koons

Theodoridis streift das Konservatorium, das 1871 erbaut wurde, gleich nach der Freiheitsbewegung. Und in dem lediglich zwei Instrumente gelehrt wurden, die Gitarre und die Flöte. Wie das? Otto von Bayern war erster König von Griechenland, 1832 bis 1862. Er hing dem Philhellenismus an, änderte Baiern zu Bayern, seine letzten Worte 1867 in Bamberg waren: «Griechenland, mein liebes Griechenland.» Apollo hatte die Lyra gezupft, Pan die Flöte geblasen; Apollo stand für die Klarheit, Bedachtheit, Schönheit, Pan (Dionysos) für die Emotion, die Lüsternheit. Auch solches greife die Documenta auf, sagt Jordanis: «Athen ist voller Musik, Töne, Klangforschung, audiovisuellen Arbeiten.»

Theodoridis will auf den Reisen kein Best-of zeigen, sondern die Freude am Entdecken unterstützen. Bei rund 160 beteiligten Künstlern müsse man auswählen, also Lücken in Kauf nehmen. «Spannend daran ist: Du findest immer etwas für dich.» Etwa das Museum of Anti-dictatorial and Democratic Resistance im Parko Eleftherias, dem Freiheitspark, das zum Haupt-Performance-Ort geworden ist. «Es war aber zu, als wir kamen. Die Türe war angelehnt, und ein alter Mann bat uns herein.» Er konnte nur Griechisch, war fünf Jahre gefoltert worden. 500 Meter weiter, im Aristoteles Lycée, eine Sound-Installation, die 2500 Jahre zurückblendete. «Während unserer Reisewoche konnten wir immer wieder Bezüge herstellen, stets waren die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Heute sichtbar.» Auch ausserhalb der Documenta im Benaki-Museum: In «Liquid Antiquity» erklären Künstler wie Matthew Barney, Paul Chan, Urs Fischer oder Jeff Koons, was Antike für sie bedeutet. «Sie reden mit dir», sagt er.

Die Griechen sind offen, Kassel ist ein Elfenbeinturm

Für Theodoridis steht die Wissenschaft für den Intellekt, die Kunst hingegen, auf einer anderen Ebene, sei nicht kognitiv zu erfassen. «Es ist so, als betrachte man eine Statue von der Seite statt von vorn.» Natürlich wird er auch nach Kassel fahren («intellektuell, grundsätzlich, eine Art Elfenbeinturm»). Athen sei viel offener, weniger dogmatisch: «Die Griechen sind offener und entscheidungsfreudiger.» Jeden Tag begleitet ein Grieche die Reisegruppe, diskutiert mit. Zum Beispiel über Street Art: «Athen ist das neue Berlin» – dieser Aussage geht Jordanis nach. Hier in Athen bezieht sich die Documenta nicht ausschliesslich auf die aktuellen Tendenzen in der Kunst, sondern auch auf das Beispiel «Athen». Leider seien nur wenige Griechen in der Documenta vertreten, sagt Theodoridis.