FOTOGRAFIE: Die Schweiz von aussen

La suisse existe – und wie, in den Augen ausländischer Fotografen. Die Fotostiftung Schweiz zeigt fünf besondere Aussensichten auf unser Land.

Dieter Langhart
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Aala, Saint-Saphorin, 2016, aus dem Projekt «Fremdvertraut». (Bild: Alinka Echeverría)

Aala, Saint-Saphorin, 2016, aus dem Projekt «Fremdvertraut». (Bild: Alinka Echeverría)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Es ist ein Kreuz mit der Schweiz. Wie gibt sich ein winziges Land aus Kuhglocken und Käsefondue, eingeklemmt in einer globalisierten Welt, nach aussen? Wie wird es wahrgenommen? Und was würden die Besucher sagen, wenn sie keine Kuhglocken und kein Käsefondue anträfen? Das Image der Schweiz ist auch die Visitenkarte für Tourismus Schweiz, die Organisation, die um die Aussenwahrnehmung besorgt ist und Aussenwerbung macht für unser Land. Seit hundert Jahren. Anlass genug für ein ungewohntes Experiment. Nicht wie sonst üblich hat Tourismus Schweiz Aufträge an Werbefirmen vergeben, sie hat Fotografen eingeladen. Nicht einheimische Fotografen zu einer Nabelschau wie früher oft, sondern solche mit internationalem Renommee. Ziel war eine heutige Aussensicht, keine Verherrlichung einer zu bewahrenden Vergangenheit, keine Wiederholung von Klischees.

Ein Amerikaner auf Theo Freys Spuren

Tourismus Schweiz hat sich an zwei Kompetenzzentren gewandt: die Fotostiftung Schweiz in Winterthur und das Musée de l’Elyseée in Lausanne. Die beiden Museen haben das Projekt «Fremdvertraut – Aussensichten auf die Schweiz» entwickelt, Tourismus Schweiz hat es lediglich finanziell und logistisch unterstützt.

Die Kuratoren Peter Pfrunder, Lars Willumeit und Tatyana Franck hatten nicht vor, ein repräsentatives Bild, ein Abbild der Schweiz zu zeigen. Ihnen lag vielmehr daran, verschiedene Perspektiven zu zeigen – eine Schweiz im Plural. Sie wollten zudem keine Reportagen, sie wollten fotografische Essays. Und unterschiedlicher hätten sie nicht ausfallen können, die Essays aus fünf Ländern, die wichtig sind für den Schweizer Tourismus. Die Frage an die eingeladenen Fotografen lautete also auch: Wie sehen diese Länder die Schweiz? «Es gibt keine Reise ohne Fotografie», sagt Peter Pfrunder, Leiter der Fotostiftung Schweiz, «aber was tun wir effektiv mit der Kamera?» Gibt es eine äussere Wirklichkeit ohne innere Befindlichkeit? Grenzen wir uns nicht auch ab beim Fotografieren? Eine Gemeinsamkeit weisen die fünf Essays auf: Sie setzen einen Akzent auf den Kulturtourismus, der für die Schweiz zentral geworden ist.

Der Amerikaner Shane Lavalette trat in Theo Freys Fussstapfen und suchte jene zwölf Gemeinden auf, die der bekennende Dokumentarfotograf für die Landes­ausstel­lung 1939 porträtiert hatte. Für Lavalettes Reisetagebuch gilt, was bereits Frey herausgefunden hat: «dass einfachste, trivialste Sachen plötzlich einen Wert bekommen».

Simon Roberts (UK) begab sich an Brennpunkte zwischen Landschaft und Mensch und beobachtete Beobachter auf Aussichtsplattformen. «Heute ähnelt die Schweiz häufig einer Theaterkulisse», sagt er. Die mexikanisch-britische Fotografin Alinka Echeverría interessierte insbesondere, wie Jugendliche auf dem Terrain dieser europäischen Insel erwachsen werden; ihre Aufnahmen verweisen auf die Schweiz von morgen.

Den Grenzen und dem Rhein entlang

Die Deutsche Eva Leitolf ging die Schweiz von ihren Rändern aus an, fragte sich: Wo fängt die Schweiz an, wo hört sie auf? Wer lebt drinnen, wer bleibt draussen? Wer legt diese Grenzen fest, wer bereinigt sie, verteidigt sie, überwindet sie?

Zum ersten Mal hat die Fotostiftung einen Pressetext auch auf Chinesisch herausgegeben. Für die Arbeit «The River» von Zhang Xiao. Er war noch nie in der Schweiz, hatte «ein nahezu perfektes Bild», alles kam ihm neu und fremdartig vor. Mit Velo, Zug und zu Fuss reiste er dem Rhein entlang. Seine Aufnahmen erzählen «von Konfrontationen und von der Neugier», die ihm «als fremdartigem Touristen aus dem Osten» begegnen sind.

Fremdvertraut. Aussensichten auf die Schweiz. Fotostiftung Schweiz, bis 7.5. Di–So 11–18, ­ Mi 11–20 Uhr. Publikation (fünf Monografien und Begleitheft in Schuber, Lars Müller Publishers).