Der Lichtsucher

Der Thurgauer Fotograf Dieter Berke hat ein Leben lang Zeit und Licht eingefangen.

Dieter Langhart
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Dieter Berke hat stets geschaut und gewartet auf das Licht, nach dem er suchte, dann liess er es in seine Kamera. (Bild: aus «Slow Motion» (Niggli, 2004))

Dieter Berke hat stets geschaut und gewartet auf das Licht, nach dem er suchte, dann liess er es in seine Kamera. (Bild: aus «Slow Motion» (Niggli, 2004))

Bis zuletzt sei Dieter Berke unglaublich klar, tapfer, bei sich gewesen, sagt die Künstlerin Rahel Müller, die ihm über Jahre eng verbunden war. «Ich bin sehr glücklich für ihn, so haben seine Schmerzen ein Ende. Eine mich zutiefst beeindruckende Persönlichkeit ist weitergegangen; zurückgelassen hat er uns den Mut zu Tiefe, Echtheit und seine Liebe zu Schönheit und Wahrheit.»

Pressearbeit und Wunschkind

Dienstagvormittag ist Dieter Berke eingeschlafen. 58 Jahre alt war er, längst noch nicht fertig mit seinen Bildern, die sein Leben waren. Und dieses Leben war selten einfach gewesen. 1953 in Säckingen geboren, in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, verbrachte er als Achtjähriger drei Monate krank in einem Isolationszelt.

Dieter Berke liess sich in Zürich zum Fotografen ausbilden, arbeitete als Pressefotograf, eröffnete sein eigenes Fotostudio: Industrie, Werbung, Luftbild. Wählte ein bürgerliches Leben mit Frau und Wunschkind. Aufträge und Anerkennung kamen, Ausstellungen und Preise folgten, dann der Krebs, der sich in seinen langen Körper frass und ihn nicht mehr losliess. «Dieter war ein Kämpfer, hat viel ausgehalten, nie gejammert», sagt Rahel Müller, die ihn auf der Palliativstation begleitet hat, bevor er losliess. «Er sass aufrecht im Rollstuhl und ist nicht vornüber gesackt.»

Zeichnungen aus Licht

«Dieter wird mir als offener, starker, eigenständiger und unabhängiger Mensch in Erinnerung bleiben», sagt Martin Gasser, Kurator der Fotostiftung Schweiz. Markus Landert, Direktor der Ittinger Museen, nennt Berke eine «markante Persönlichkeit, die mit ihren Fotografien eine tiefschürfende Reflexion über das Sein vorangetrieben und einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Fotografie geleistet hat».

Das Sein. Die Zeit. Das Licht. Sie treiben Dieter Berke um. Etwas schlägt ihm das rechte Auge aus, nimmt ihm die Schärfentiefe. Ohnehin will er «andere Bilder machen», verlässt die Pressefotografie. Ein Schamane lehrt ihn, hinter das Vordergründige zu sehen. Berke sucht nach einer neuen Bildsprache, einer neuen Tiefe in der Fotografie. Er will die Zeit aufnehmen, statt sie einzufrieren, experimentiert mit der Lochkamera und langen Belichtungszeiten, geht zurück zur Unschärfe. Sein Licht findet er, auch dank dreier Förderbeiträge des Kantons Thurgau, in Kalifornien, Arizona, Tunesien. In seinen «Lichtzeichnungen» fängt Berke die verstreichende Zeit ein: die vor dem Atelierfenster in Pfyn, die in seinem Innern, die Melancholie, die Depression – auch den Krebs in der letzten Ausstellung «time out» vor einem Jahr in Frauenfeld.

«Was den Menschen ausmacht, ist die Geschichte, die er erzählt», sagt Rahel Müller. Seiner Tochter Nahani ist Dieter Berke wie ein Lehrer gewesen. «Wir haben Steine gesucht, von ihm habe ich alles gelernt über den Wald, die Natur, den Umgang mit den Dingen.»

Immer mit Hut: Dieter Berke, 2004. (Bild: dl)

Immer mit Hut: Dieter Berke, 2004. (Bild: dl)