Zwischen Tradition und Fortschritt

Albanien ist voller Überraschungen. War man einige Jahre nicht mehr dort, ist das Land kaum wiederzuerkennen. Eine Reise durch dieses Land, in welchem am Wochenende Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden.

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In Tirana verschönert man den Alltag, wo immer es möglich ist: Dem tristen Wohnblock hat man Farbtupfer verpasst, und die Männer vertreiben sich die Zeit spielend. (Bild: mauritius images)

In Tirana verschönert man den Alltag, wo immer es möglich ist: Dem tristen Wohnblock hat man Farbtupfer verpasst, und die Männer vertreiben sich die Zeit spielend. (Bild: mauritius images)

Albanien ist nicht mehr das drittärmste Land der Welt wie 1991, als die Denkmäler des Diktators Enver Hoxha gestürzt wurden und die Albaner sich neu orientieren mussten. Man erinnert sich an die Bilder von maroden Schiffen, die überfüllt mit albanischen Männern nach Italien fahren wollten. Heute ist das Land nicht mehr verschlossen, die Leute sind freundlich, aber auch stolz. Unterwegs treffen wir fröhliche, neugierige Kinder und Jugendliche auf Schulreise. Sie kommen auf uns zu, fragen auf Italienisch und Englisch: «Woher kommt Ihr? Wie heisst Ihr?» – «Shaqiri, Shaqiri» rufen sie lachend, als sie vernehmen, dass wir Schweizer sind.

«Albanien ist schön», schrieb schon 1927 Joseph Roth in einer Reportage für die «Frankfurter Zeitung». Aber er fand es langweilig: «Von Berlin aus ist Blutrache interessanter.» Mit Vorurteilen begegnet man auch heute noch dem Land der Shqipëtaren. Sagt man Albanien, ist ein unglückliches Land gemeint, aus dem die Menschen fliehen wollen. Aber der Reisende fühlt sich sicher, und er ist vor allem beeindruckt von der wilden Schönheit der Landschaft, der Adriaküste und den im Mai noch schneebedeckten Bergen. Denn die zumeist schmalen Landstrassen – manche Passstrasse im Süden erinnert an die alte Tremola – zwingen nicht nur zur langsamen Fahrt, sondern lassen Zeit, die Blicke schweifen zu lassen.

Berge, Meer und Obstplantagen

Dort, wo der Bürgermeister derselben Partei angehört wie Ministerpräsident Sali Berisha, sind die Strassen erneuert mit Leitplanken, Mittelstreifen, Verkehrstafeln. Die Opposition bekommt jetzt, da Wahlkampf ist, kein Geld vom zentralistisch regierten Staat. Dort fährt man langsam über löchrige Strassen, Ziegen, Schafe und Kühe können sie gefahrlos überqueren, und der Esel mit dem Bauern auf dem Rücken trottet gemächlich weiter. Im Norden mäandert der Fluss Drin ausladend durchs Land, wie es sich Flüsse bei uns nur noch bei Hochwasser erlauben dürfen. In Albanien geniessen sie die Freiheit, die ihnen die Schöpfung von je zugestanden hat. Und wir staunen ob so viel Grosszügigkeit.

Die Albaner sind nicht engstirnig. Allerdings ist der Albaner immer zuerst ein Albaner. Seine Religion kommt erst danach. Die Mehrheit ist moslemisch, aber mit einer sehr offenen Haltung, die Alkohol erlaubt und niemanden zum Kopftuch zwingt. Im Norden lebt eine katholische Minderheit (10%), im Süden zur Grenze nach Griechenland ist man orthodox (6%). Das ergibt eine vielfältige Kultur. Im Süden bestaunt man die gepflegten Rebberge, die Obstplantagen, die Olivenhaine, Bienenstöcke und die einladenden Raststätten. Die Männer sitzen auch tagsüber in Cafés und rauchen lange, dünne Zigaretten der Marke Karelia oder sie stehen in Gruppen zusammen. So stellt man sich den Balkan vor. Aber im Café sitzen auch junge Frauen mit ihren Kindern und trinken Café. Café ist das Getränk der Albaner.

Illyrer, Griechen, Römer, Italiener

Weshalb fährt man überhaupt nach Albanien? Wegen der beeindruckenden Natur, aber auch aus Interesse an der Geschichte. Es ist anhand von Ausgrabungen belegt, dass hier einst die Illyrer lebten. Die Albaner sagen, dass sie von diesem ältesten balkanischen Volk abstammen. Auch Shakespeare hat seine Komödie «Was ihr wollt» an der illyrischen Küste spielen lassen. Der Süden Albaniens wurde besiedelt von den Alten Griechen. Apollonia zeugt davon und das Weltkulturerbe Butrint. Die Römer wollten ebenfalls nach Osten vordringen und bauten als Verlängerung der Via Appia die Via Egnatia. Die Osmanen prägten den Stil ganzer Städte, und auf unzähligen Hügeln kann man die Ruinen ihrer Festungen besichtigen.

Neben Butrint hat Albanien zwei weitere Unesco-Weltkulturerben: Gjirokastra und Berat. Gjirokastra ist eine Stadt aus Stein, umgeben von Bergen, in der Ismail Kadaré, der berühmte Schriftsteller und der Diktator Enver Hoxha aufgewachsen sind. Ob Kadaré seinem Land gute Dienste leistet mit seinen düsteren Romanen, daran kann man zweifeln. Jedenfalls ist die steilste Stadt der Welt mit den glitschigen Pflastersteinen und der sie überragenden osmanischen Festung kein freundlicher Ort für ein Kind.

Die Städte wachsen

Albanien ist ein halbfertig gebautes Land. Unterwegs trifft man auf unzählige Betonbauruinen. Den einen ist beim Bauen das Geld ausgegangen, den andern wurde das Weiterbauen verboten. Denn es sind keine Dokumente über den Grundbesitz vor der Zeit der Diktatur erhalten, und so nahm man sich die Freiheit, zu bauen, wo man wollte.

Im südlichen Saranda (gegenüber der Insel Korfu) wurden illegal Hotelbauten hochgezogen. Der Service in den Hotels ist jedoch gut, der Strand ziemlich sauber. Allmählich setzt sich durch, dass der Abfall nicht mehr einfach auf die Strasse oder an den Strand geworfen wird. Dies ist eine Mentalitätsfrage. Anti-Littering-Kampagnen werden jetzt an Schulen durchgeführt, zum Beispiel an Edith-Durham-Gymnasien. Die Britin war die erste Balkanreisende, die bereits 1909 sicher war, dass die Menschen in Albanien mit ihrer Vitalität die Schwierigkeiten, von denen ihr Staat beschwert ist, überstehen werden. Damals war Albanien Teil des Osmanischen Reichs. Sie konnte nicht wissen, dass der Diktator Enver Hoxha Albanien jahrzehntelang von der Welt isolieren und auslaugen würde.

Als die Albaner 1991 endlich frei waren, wollten die Städter ins Ausland reisen und aus den Dörfern kamen die Menschen in die Städte. Die Bevölkerung der Hauptstadt Tirana ist von rund 25 0000 auf eine geschätzte knappe Million angewachsen. Es müssen Häuser, Schulen, Strassen gebaut werden. Die Wasser- und Energie-versorgung sowie das Gesundheitswesen sind ungenügend. Die Herausforderungen für die Behörden sind riesig.

Erika Achermann, Tirana