Wochenkommentar
Privilegien für Reiche und Mächtige sind stossend, aber: Beim Impfen sind wir Schweizer alle Milliardäre

Ein Unternehmer, ein Spitaldirektor und wichtige Politiker durften sich gegen Corona impfen lassen, obwohl sie keiner Risikogruppe angehören. Darüber empören sich viele Schweizerinnen und Schweizer. Zu recht, aber: Wir sind, aus globaler Sicht, selber Profiteure.

Patrik Müller
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Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Radio SRF strahlte kürzlich ein Hörspiel von Friedrich Dürrenmatt aus, bevor die Berichterstattung dann wieder routiniert zu Corona wechselte. «Mondfinsternis», die Urfassung des Grosserfolgs «Der Besuch der alten Dame». Dürrenmatt erzählt die Geschichte eines Berner Oberländers, der nach Kanada ausgewandert und dort als Unternehmer steinreich geworden ist. Eines Tages kehrt er in seine Heimat zurück und macht den Einwohnern ein unmoralisches Angebot: Alle Familien bekommen eine Million Franken, wenn sie jenen Mann töten, der damals die Jugendliebe des Unternehmers geheiratet hat.

Dürrenmatt fragt: Lässt sich mit Geld alles kaufen?

Diese Frage stellt sich auch jetzt, wo es um die lebensrettenden Covid-19-Impfungen geht. In «Mondfinsternis» siegt die Geldgier über die Moral. Und im realen Coronaleben 2021?

Dass sich der Richemont-Milliardär Johann Rupert im Thurgau impfen lassen durfte, löste Entsetzen von links bis rechts aus. Der reichste Mann Südafrikas flog mit dem Privatjet ein, wie Tamedia herausfand. Er durfte sich in einer Hirslanden-Klinik immunisieren lassen – als «Testperson».

Ist es in Ordnung, wenn ein Unternehmer eine der knappen Dosen kauft und so eventualvorsätzlich das Leben eines älteren Bürgers gefährdet? Die Frage stellen, heisst sie beantworten. Es ist falsch, selbst wenn im Fall Rupert juristisch alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Gestern, etwas spät, kam der Hirslanden-Chef zum selben Schluss. Er entschuldigte sich.

Ein Spitalmanager als schlechtes Vorbild

Wenig verständlich ist auch, dass der CEO des Basler Kinderspitals sich heimlich spritzen liess, wie die «Schweiz am Wochenende» aufdeckt. In der ersten Phase sollte nur das Spitalpersonal an der Front berücksichtigt werden. Hier erkauft sich einer nicht mit Geld einen Vorteil, sondern mit Macht. Auch das hat dürrenmattsches Format, solange die Schweiz über zu wenig Impfstoff verfügt, die Wartelisten lang und viele Kantone unfähig sind, Senioren in Altersheimen zu immunisieren.

Zuvorderst in der Reihe der Impfdrängler standen ausgerechnet die Bundesräte. Alt Bundesrat Christoph Blocher (80), der an Vorerkrankungen leidet und eben geimpft wurde, hat recht, wenn er sagt: «Beim Impfen darf es nur ein Kriterium geben: das Überleben der Gefährdeten. Egal ob Hilfsarbeiter oder Bundesrat.»

Auftrieb für Impfskeptiker und Verschwörungstheoretiker

Vorzugsbehandlungen für Reiche und Mächtige stören unser Gerechtigkeitsgefühl und unterminieren das Vertrauen in die Impfkampagne. Skeptiker und Verschwörungstheoretiker erhalten Auftrieb, wenn im Geheimen Deals gemacht werden. Umso mehr, als Privilegierte womöglich noch den Impfstoff auswählen können, während das Fussvolk nehmen muss, was gerade vorhanden ist.

So verständlich die Empörung ist: Wir Schweizerinnen und Schweizer gehören, global gesehen, selber in die Kategorie der Privilegierten. Kollektiv. Die Schweiz zählt zu jenen Ländern, für die Geld kein Problem ist. Das Geschäft ist brutal. Staaten, die den höchsten Preis pro Dosis bezahlen, werden schneller beliefert.

Israel, Grossbritannien und die USA liegen vorn, aber auch die Schweiz griff tief ins Portemonnaie. Schön für uns, aber eben: Genauso wie die Dosis, die sich Unternehmer Rupert im Thurgau sicherte und die nun einem Risikopatienten verwehrt bleibt, fehlen die Millionen von Dosen, die reiche Länder bekommen haben, den Entwicklungsländern.

Diese Woche vermeldete Guinea, es habe die ersten 25 Menschen geimpft – den Präsidenten und höhere Beamte. Andere Länder in Afrika, wo Corona besonders wütet, haben noch gar keinen Impfstoff erhalten.

Die Ungerechtigkeiten innerhalb der Schweiz sind stossend und hoffentlich Einzelfälle. Aber sie sind nichts im Vergleich zu dem, was sich auf der globalen Ebene abspielt.