Wochenkommentar
Die Corona-Müdigkeit wird zur Epidemie – es gibt nur einen Ausweg

Dass sich die Pandemie so lange hinzieht, demoralisiert die Menschen. Die anfängliche Kampfeslust und Solidarität sind Paralyse und Frust gewichen. Auch darum ist schnelles Impfen so wichtig.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Das Coronavirus breitet sich zum Glück nicht mehr exponentiell aus, in den vergangenen drei Wochen haben die Neuinfektionen abgenommen. Sie sanken unter 2000 Fälle pro Tag, und das wäre eigentlich verkraftbar, hätten wir nicht diese eine, ganz grosse Unsicherheit: die Mutanten. Niemand weiss, was geschieht, wenn diese hochansteckenden Virusvarianten landesweit und nicht nur in lokalen Hotspots um sich greifen.

Was sich bereits jetzt exponentiell ausbreitet, und zwar breitflächig, sind Pessimismus, Frust und Müdigkeit.

Die erste Welle brachte das Gute aus den Menschen hervor

Im vergangenen Frühling war zwar der Schock über dieses neuartige Sars-CoV-2 grösser, aber die Leute waren vereint im Kampf gegen die Seuche. Der Feind von aussen setzte Energien frei. Das Gute im Menschen kam hervor: Nachbarschaftshilfe, Solidarität mit dem Gesundheitspersonal, Kochen und Einkaufen für Senioren.

Das Zügeln ins Homeoffice hatte seinen Reiz, Zoom entlockte uns ein Lächeln, Familien assen gemeinsam Mittag, das Einkaufen im Hoflädeli wurde zum Happening. Der Verzicht hatte etwas Befreiendes, viele merkten, dass sie manches von dem, was fehlte, gar nicht vermissten. Natürlich gab es auch damals menschliches und wirtschaftliches Elend, aber rückblickend fühlte es sich weniger zermürbend an als heute, fast ein Jahr später.

Auf Dauer gibts kein Leben ohne Gemeinschaft und Kultur

Eine kollektive Müdigkeit hat sich wie Mehltau auf das Land gelegt. Man spürt es, mit wem man auch spricht (meist ja nur virtuell), ob mit dem persönlichen Umfeld, mit Ärzten oder Politikerinnen. Schnell landet man bei diesem Überdruss, klagt sich gegenseitig das Leid. Die Vereinzelung, der Verlust von Gemeinschaft und Kultur schlagen jetzt voll durch. Selbst Banalitäten wie ein gemeinsamer Kaffee an der Büro-Bar oder ein Konzertbesuch wären nun ein Fest.

Ignazio Cassis, der einzige Arzt im Bundesrat, sagte diese Woche im Interview mit unserer Zeitung einen bemerkenswerten Satz: «Insgesamt verhalten sich die meisten Menschen trotz dieser extremen Situation mit massiven Eingriffen in die Freiheit sehr ruhig und vernünftig, manchmal staune ich darüber.» Das stimmt. Ein Blick nach Holland, gar nicht so weit weg, genügt, um zu sehen, dass Ruhe und Vernunft nicht selbstverständlich sind. Nachdem die Regierung eine Ausgangssperre beschlossen hatte, eskalierte in den Strassen die Gewalt.

Die Nerven liegen blank: Krawalle diese Woche in Holland.

Die Nerven liegen blank: Krawalle diese Woche in Holland.

AP

Sind Krawallbilder wie jene aus Rotterdam unvorstellbar bei uns? Wahrscheinlich. Hoffentlich. Die Schweiz hat, anders als Holland, einen Mittelweg gewählt, der ein bisschen Restluft zum Atmen lässt.

Aber nichts ist sicher. Das Kinderspital Zürich meldete eben einen Rekord an Verdachtsfällen von Kindsmisshandlungen. Lockdown, Homeoffice und Schulschliessungen hätten für mehr Stress und Konflikte zu Hause gesorgt, erklärten Forscher.

Wann bricht das Eis?

Das Eis ist dünn, auch in der Schweiz. Und das Risiko, dass es bricht, steigt mit der Dauer der Eingriffe in unsere Freiheit. Dass der Staat vorschreibt, wie viele Menschen sich in den Wohnungen aufhalten dürfen, ist für kurze Zeit vielleicht tragbar, aber nicht für lange.

Darum ist so wichtig, dass die Infektionszahlen schnell sinken und das Impfen so rasch vorankommt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Freiheit wieder Stück für Stück zurückkehrt. Wichtig ist das aus wirtschaftlichen, aber zuallererst aus mentalen Gründen. Wir brauchen die Freiheit, damit auf die Müdigkeit nicht die kollektive Depression folgt.

Die Bevölkerung hat ihren Teil geleistet, mit dem Beachten der Hygiene- und Verhaltensregeln. Sie tut es weiter und sie scheint grossmehrheitlich gewillt, sich impfen zu lassen. Denn sie sieht: Es ist der einzige Pfad zur Normalität.

Nicht Impfskepsis ist die Herausforderung. Sondern die Verfügbarkeit der Dosen und die Organisation des Impfens. Hier sind die Regierungen und Behörden und auch die Pharmafirmen gefordert wie nie zuvor. Geht es schnell vorwärts, haben die Menschen wieder eine Perspektive. Jeder Tag zählt.