Wochenkommentar
Der Schweiz wurde der Abstieg zum Armenhaus Europas prophezeit. Nun ist sie die weltweite Nummer 1. Was ist passiert?

Die Schweiz versank vor knapp zwei Jahrzehnten in der Stagnation, und ihre Aussichten galten als trüb. Nun kommt sie schneller aus der Coronakrise als die meisten anderen Länder, und in Standort-Rankings räumt sie ab. Das kommt nicht von ungefähr, ist aber auch gefährlich.

Patrik Müller
Patrik Müller
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«Armenhaus Europas»: Die «Arena» des Schweizer Fernsehens mit Staatssekretär Jean-Daniel Gerber (links) und Moderator Urs Leuthard im Jahr 2005.

«Armenhaus Europas»: Die «Arena» des Schweizer Fernsehens mit Staatssekretär Jean-Daniel Gerber (links) und Moderator Urs Leuthard im Jahr 2005.

srf

Auf der Internetseite des Schweizer Fernsehens lassen sich alte «Arena»-Sendungen nachschauen. Der Erkenntnisgewinn ist im Rückblick manchmal grösser als im Moment der Ausstrahlung. «Die Schweiz als zukünftiges Armenhaus Europas?» Diese Frage debattierte eine Runde im März 2005. Moderator Urs Leuthard stellte fest, die Schweiz sei nur noch Mittelmass. Der damalige Staatssekretär Jean-Daniel Gerber warnte, die Schweiz gehöre in 20 Jahren zu den ärmsten Ländern Europas, wenn die Wirtschaft weiterhin so schwach wachse:

«Wir waren lange spitze, und jetzt zeigt sich, dass es langsam heruntergeht.»

Nicht 20, aber immerhin 16 Jahre danach darf man feststellen: Der befürchtete Abstieg hat nicht stattgefunden. Für diesen Befund reicht ein Blick auf Daten wie das Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit oder Kaufkraft, und er wurde in den vergangenen Tagen durch zwei internationale Vergleichsstudien bestätigt:

  • Wettbewerbsfähigstes Land. Im Ranking des Instituts IMD stiess die Schweiz erstmals auf Rang 1 vor, sie hat Singapur und Dänemark überholt. Sie verfüge über wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, tiefe Schulden und habe die Pandemie gut gemeistert.
  • Innovativstes Land. Ausgerechnet die EU-Kommission beschied der Schweiz, dass sie in Europa bezüglich Innovation auf Platz 1 liegt. Sie sei am attraktivsten, wenn es um gut ausgebildete Fachkräfte, Forschung, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit gehe.

Diese Entwicklung hätte 2005 so niemand erwartet. Man schwärmte zu jener Zeit von der Wachstumsdynamik der neu gegründeten Euro-Zone und den schnell wachsenden osteuropäischen Staaten. Die Schweiz wurde als reiches, aber sattes Land gesehen. Bankier Hans J. Bär prophezeite den Niedergang des Finanzplatzes und schrieb 2004 in einem Buch:

«Das Bankgeheimnis hat uns fett und impotent gemacht.»

Wenige Jahre darauf fiel das Bankgeheimnis, die Banken bauten ab, doch das erwies sich fast als befreiend, denn allmählich wurde klar: Der Wohlstand hängt nicht an den Banken und schon gar nicht am Bankgeheimnis.

Was nach der Finanzkrise 2007/2008 begann, ist ein wahres Wirtschaftswunder, das sich jetzt, nach der Coronakrise, noch akzentuiert. Das Bruttoinlandprodukt (BIP), der Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen, hat – europaweit einmalig – bereits wieder fast das Vor-Corona-Niveau erreicht.

Bundespräsident Guy Parmelin sagt in dieser Ausgabe der «Schweiz am Wochenende», die Prognosen zum Wachstum seien soeben herauf- und jene zur Arbeitslosigkeit herunterkorrigiert worden. Und Blackrock-Banker Philipp Hildebrand erwartet eine «Phase des sehr hohen Wachstums», die 12 bis 18 Monate andauern dürfte.

Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstgenügsamkeit

Darüber darf man sich freuen, und doch: Die erfolgsverwöhnte Schweiz bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstgenügsamkeit.

Dass sie seit 2005 diese positive Entwicklung erfahren hat, liegt an ihrer Agilität. Denn es verhält sich im internationalen Wettbewerb wie in der Natur. Die besten Überlebenschancen haben evolutionär nicht die grössten oder die stärksten Tiere, sondern die anpassungsfähigsten. Die Bevölkerung hat dafür oft das bessere Gespür als die Regierungen, darum traf sie meist Entscheide, die gut für den Standort waren.

Schlau bis schlaumeierisch

Das helvetische Talent, sich schlau bis schlaumeierisch an ein verändertes Umfeld anzupassen, offenbarte sich insbesondere in den bilateralen Verträgen mit der EU. Man stimmte der Personenfreizügigkeit zu, aber auch der Massen­einwanderungs-Initiative. Man gedeiht in der Fauna Europas, der man angehört, in der man sich aber auch mal in eine geschützte Ecke zurückziehen kann.

Noch funktioniert das gut, ja blendend. Doch die Schweiz, dieses wendige Tier, wird sich nicht ausruhen können. Das Umfeld wandelt sich weiter. Man braucht nicht mehr das Armenhaus her­aufzubeschwören, aber eines ist klar: Will die Schweiz spitze bleiben, braucht sie eine Idee, wie sie die Vernetzung mit Europa für die Zukunft sichern kann.